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Internationaler Suchdienst: „Ehrfurcht vor der Vergangenheit und Verantwortung gegenüber der Zukunft“

29-11-2012 Statement

Rede von Peter Maurer, Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), gehalten am 19. November 2012 im Internationalen Suchdienst, Bad Arolsen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

„Ich wäre dankbar, wenn sich das Internationale Komitee vom Roten Kreuz zur Übernahme der Leitung und Verwaltung des Internationalen Suchdienstes bereit erklären… würde.“ Diese einfache Einladung Konrad Adenauers war das Ergebnis fünfjähriger Diskussionen zwischen den Alliierten und der Bundesrepublik Deutschland sowie den involvierten Staaten und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz. Die Anfrage, die dem Präsidenten des IKRK, Paul Rügger, übermittelt wurde, muss im Kontext der damaligen politischen Entwicklung betrachtet werden: Am 5. Mai 1955 wurde der Besatzungsstatus der Bundesrepublik Deutschland aufgehoben, was auch das Ende der Alliierten Hochkommission für Deutschland bedeutete, welche zu diesem Zeitpunkt die Aufsicht über die Arbeiten des Internationalen Suchdienstes führte. Parallel zum Auftrag an das IKRK trat auch das Abkommen über die Einrichtung eines Internationalen Ausschusses für den Internationalen Suchdienst in Kraft, einer der allerersten Verträge, die Deutschland als souveräner Staat unterschreiben sollte. Diesem Ausschuss, der ursprünglich aus neun Staaten bestand, gehören heute elf Mitgliedsstaaten an, die hier in diesem Raum vertreten sind.

Das Schreiben des deutschen Bundeskanzlers legte auch fest, dass die ITS-Aktivitäten „im Geist der Genfer Konventionen von 1949“ durchzuführen seien. In einem anderen Notenwechsel wurde das IKRK verpflichtet, die ihm übertragene Leitungsposition getreu den Prinzipien der Überparteilichkeit und Neutralität auszuführen. Damit wurde auf eine wichtige Entwicklung im Bereich des humanitären Völkerrechtes verwiesen, - die Genfer Konventionen von 1949 - mit welchen Lehren aus dem zweiten Weltkrieg gezogen und der Schutz der Zivilbevölkerungen verbessert werden sollten. Und obgleich auch dieser Versuch, wie wir heute wissen, in den folgenden Jahrzehnten allzu oft scheiterte, signalisiert die Verpflichtung des Suchdienstes auf die Genfer Konventionen einen wichtigen Schritt in der europäischen Politik und Rechtsgeschichte des humanitären Völkerrechtes.

Gerade die Zivilisten, die jeglicher Art der Verfolgung massenhaft zum Opfer gefallen sind, stehen im Mittelpunkt der Aktivitäten des Internationalen Suchdienstes. Zunächst bilden Millionen von Dokumenten den Kern der Archive, die im Laufe der Jahre in Bad Arolsen deponiert wurden und zeugen für die Unterdrückung, die Ungerechtigkeit und den Schmerz von Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern „Displaced persons“, auseinandergerissenen Familien und gestohlenen Kindheiten. Jenseits der Dokumente, stehen aber die Individuen und Familien und ihr Schicksal; hier findet sich der „Geist der Konventionen“ wieder, welche den Menschen als Individuum mit Rechten und nicht als militärisches oder politisches Subjekt oder Objekt verstehen.

Das Bemühen, den Rechten und der Würde des Menschen Vorrang zu geben, hat den ITS zunächst dazu veranlasst, die Opfer und Überlebenden vor unangebrachter oder aufdringlicher Neugierde zu schützen. Mit der Zeit und der Weiterentwicklung der Denkweisen erwies sich die Erweiterung des Zugangs zu den Archivmaterialien für Forscher und andere Interessierte aber als eine notwendig und berechtigte Erweiterung der Aufgabe. Seit 2006 sind denn auch die Dokumentation für die Forschung zugänglich. Die Arbeit der Suche und der Auskunftserteilung an die Familien wird damit durch ein Engagement in der historischen Forschung und der Bildung ergänzt. Das am 1. Januar 2013 in Kraft tretende neue Übereinkommen des ITS besiegelt diese Entwicklung.

Seit 1955 hat das IKRK dem Internationalen Ausschuss für den ITS sieben Direktoren zur Verfügung gestellt: Nicolas Burkhardt, Albert de Cocatrix, Philipp Züger, Charles Biedermann, Toni Pfanner, Reto Meister und Jean-Luc Blondel. Zwischen fünf und sechs tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, viele von ihnen anfangs selbst vom Krieg betroffen haben im Dienste der Mission des ITS gearbeitet. Diesen gilt heute der besondere Dank des IKRK für die geleistete Arbeit und für ihr zukünftiges Engagement. Ging man 1955 noch davon aus, dass die Arbeit des ITS nur fünf Jahre dauern würde, sieht man heute, dass diese sich stets wandelnde Institution aufgrund der Notwendigkeit der Forschungs- und Gedenkarbeit auch weiterhin fortbestehen wird. Das IKRK freut sich, die Leitung des ITS in einigen Wochen an Frau Dr. Rebecca Boehling weiter zu geben, die die in den letzten Dekaden geleistete Arbeit weiterführen und entwickeln wird. Wir freuen uns, dass der ITS von Frau Boehlings umfangreichen wissenschaftlichen Kenntnissen profitieren darf.

Können heute Lehren aus dieser 60-jährigen Erfahrung gezogen werden? Ich sehe mindestens drei:

Zunächst hat die Gründung des ITS ein bedeutendes politisches Zeichen gesetzt: bei den Alliierten und in Deutschland war das Bewusstsein vorhanden, dass das Ende des Krieges auch wichtige soziale Fragen aufwerfen würde. Die Suche nach Vermissten, oder wenigstens die Klärung ihrer Schicksale, und die Familienzusammenführungen waren - und sind - wesentliche Bestandteile des Wiederaufbaus einer Gesellschaft. Wird dieser Aspekt außer Acht gelassen, wie es in einigen neueren Konflikten der Fall ist, fehlt ein ganzer Teil des sozialen und psychologischen Wiederaufbaus, was den Prozess der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Aussöhnung beeinträchtigt. Dies ist der Kern der Idee des ITS und ich bin davon überzeugt, dass er auf diese Weise eine positive Rolle im Aussöhnungsprozess in Europa, aber auch darüber hinaus spielen konnte.

Zweitens kann eine humanitäre, neutrale, überparteiliche und unabhängige Institution wie das IKRK einen positiven Beitrag in einem politischen Prozess leisten, der zunächst durch die Erinnerung an eine feindselige Vergangenheit oder das Fehlen an Vertrauen zwischen den betroffenen Parteien belastet ist. Das ist in heutigen Konflikt- oder Spannungssituationen ebenso gültig: Während die humanitäre Arbeit allein nicht alle Aufgaben lösen kann, kann sie als Brücke zwischen den Parteien dienen; sie wird zum Verfechter der bedürftigen Menschen, sie macht Wege für ein gegenseitiges Zuhören und Verstehen frei. Beim ITS geschah dies durch die Bereitstellung von Dokumenten, die den Überlebenden oder deren Angehörigen ermöglichten, ihre Rechte geltend zu machen oder einfach das Schicksal von geliebten Personen in Erfahrung zu bringen.

Schließlich verdeutlicht der ITS heute, wie gut es ist, die Geschichte dokumentieren zu können, wie hilfreich es ist, seine Arbeit (auch wenn es um die finanzielle Entschädigung oder Wiedergutmachung geht) auf einem soliden Archivbestand gründen zu können. Das Gleiche gilt für die Forschung- und Bildungsarbeit, die eine Fortführung der humanitären Tätigkeit darstellen. Archivgüter sind keine staubigen Dokumente, die man in entlegene Räume verbannen kann. Sie sind Kommunikationsmittel für Historiker, Pädagogen, Journalisten und Politiker und Teile des kollektiven Gedächtnisses gleichermaßen. Archive aufzubewahren, zu schützen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, gehört daher zur Erinnerungspflicht, zur Bildungsarbeit und zur Stärkung der Rechte der Menschen.

Das IKRK verlässt zwar bald die Leitung des ITS, aber es verlässt nicht den ITS und den Internationalen Ausschuss, in dem es als Beobachter vertreten bleibt. Von Genf aus und besonders über seinen Bereich für Schutzmaßnahmen und seine Zentrale Suchstelle möchte das IKRK mit dem ITS als Mitglied des humanitären weltweiten Suchnetzes, das die Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften bilden, in regelmäßigem Kontakt bleiben. Viele der Erfahrungen mit dem ITS werden damit in den Operationen des IKRK weiterleben: Gerade dieser Tage wieder verwischen sich die Bilder, wenn beim Betrachten der Fotografien aus Nachkriegsdeutschland die leuchtenden Augen von Mutter und Tochter aus Mopti an der Linie zum Norden Malis hervortreten, welche sich nach Monaten von Ungewissheit und Trennung dank dem Suchdienst wieder gefunden haben.

Nach so vielen Jahren der Zusammenarbeit mag eine Trennung Schwermut und Nostalgie aufkommen lassen, doch sind diese auch vom Gefühl der gegenseitigen Dankbarkeit und Anerkennung begleitet. Das IKRK blickt mit Stolz und Befriedigung auf die Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik Deutschland und den alliierten Staaten zurück. Der ITS ist heute eine bekannte und anerkannte Institution. Der Internationale Ausschuss übt die Funktion eines Regelungsorgans mit der größten Selbstverständlichkeit aus. Und die deutsche Regierung zeigt mit der Übertragung der verwaltungsmäßigen Verantwortlichkeit und somit der Unterstützung des ITS vom Innenministerium an den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dass sie den ITS - so wie seinen zukünftigen Institutionspartner, das deutsche Bundesarchiv - als ein Instrument der Kultur und der Kommunikation betrachtet. Über Sie, Frau Ministerialdirektorin Berggreen-Merkel, möchte ich der deutschen Regierung meinen Dank für die kontinuierliche Unterstützung aussprechen, die sie dem IKRK über all diese Jahre geleistet hat.

Der ITS arbeitet im Dienste der Menschen. Er besitzt ein Archiv, aber dieses Archiv ist menschlich: es erinnert an das unendliche Leiden, das Millionen von Menschen während des Zweiten Weltkriegs und darüber hinaus erfahren haben. Sie, Professor Thomas Buergenthal, sind einer von jenen Personen, deren Namen durch die ITS-Dokumente belegt ist. Sie beschreiben sich selbst nicht ohne eine gewisse Ironie als ein „lucky child“ und ich freue mich, direkt von Ihnen über Ihr Glück zu hören.

Dass ich Sie heute hier treffe, ist vielleicht ein glücklicher Zufall, sicher aber ein ganz besonderer Augenblick für mich, in welchem Geschichten und Geschichte zusammentreffen. Auf einer menschlichen Ebene erlauben Sie uns allen, durch Ihre Erinnerungen auf erträgliche Weise am Unerträglichen teilzunehmen; als Historiker bewundere ich seit langem ihren scharfen analytischen Blick auf die NS Diktatur; als Diplomat habe ich ihr Engagement für das internationale Recht hoch zu schätzen gelernt und als Präsident des IKRK und an diesem Ort und heute, sind Sie ein Mahnmal an die „kognitive Katastrophe“ und ihre verheerenden Folgen im tatsächlichen Leben von so vielen Menschen, in welcher auch meine heutige Institution in einer entscheidender Phase der Geschichte versagt hat. Versagt, weil sie den normativen Kompass verloren hatte, versagt weil sie sprach- und machtlos zuschaute und versagt, weil sie aus zutreffenden Beobachtungen nicht entschuldbar falsche Schlussfolgerungen zog.

Wir wissen heute: Schuldentilgungen sind ökonomisch und rechtlich schwierig und moralisch nicht möglich. Rhetorische Gesten bringen vorübergehende Erleichterung sind aber nicht nachhaltig. Das Schweigen droht sich in unvorhersehbar destruktiver Energie zu entladen und reden ist allzu oft nur eine Verschleierung für das Schweigen. Wir bleiben auch heute oft ratlos im Umgang mit Schuld. Das Beste ist dann vielleicht immer noch das einfachste vom Schwierigen: Wille, Engagement und Hartnäckigkeit es besser zu tun – und an dem darf es uns heute nicht fehlen. Ich danke Ihnen Herr Bürgenthal für die Ehre, die Sie dem IKRK und dem ITS erweisen, indem Sie heute bei uns sind und uns über Ihre persönlichen Erfahrungen berichten.

Auch wenn das IKRK sich aus der Leitung des ITS zurückzieht, wünschen wir uns, dass die humanitären Prinzipien, die wir gemeinsam lernend entwickelt haben, auch weiterhin inspirieren: Neutralität, Unparteilichkeit Ausgewogenheit und Unabhängigkeit – nicht als Passivität und Abgehobenheit verstanden, sondern als Verfügbarkeit und Hilfsbereitschaft. Ein neutrales Verhalten bedeutet, dass man den bedürftigen Frauen und Männern zu Diensten steht, ihnen zuhört und sie unterstützt, zu urteilen. Die Unparteilichkeit zwingt zur Ausgewogenheit und die Unabhängigkeit braucht es, damit eine humanitäre Organisation die zahlreichen, manchmal auch unbequemen Missionen durchführen kann. Der Internationale Ausschuss hat die Unabhängigkeit des ITS bestätigt, indem er ihm zum Zeitpunkt des Rückzugs des IKRK eine neue Rechtsform gegeben hat.

Kaum ein anderer hat zutreffender als Dietrich Bonhoeffer die Wegscheide zwischen Vergangenheit und Zukunft beschrieben an der wir heute wieder einmal stehen: „Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.“ Das scheint mir auch heute ein gutes Leitmotiv für den Internationalen Suchdienst, dem wir wünschen, dass er im selben Geiste und mit derselben Bestimmtheit weiter gedeiht.


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Peter Maurer 

Peter Maurer
© ICRC