Zurück aus Syrien und dem Irak: Unterstützung in psychischer Gesundheit hilft zurückgekehrten Familien in Zentralasien
„Ich habe keine Angst mehr. Weil ich weiss, dass wir beisammen bleiben können.“
Maryam ist zehn Jahre alt. Sie verbrachte Jahre ohne ein Zuhause, ohne eine Mutter und ohne Dokumente, um zu beweisen, dass die Frau, die sie aufzog, ihre Familie war. Heute geht sie zur Schule und die Frau ist endlich auch auf dem Papier ihre Mutter.
Maryam ist eine von mehr als tausend Frauen und Kindern, die seit 2021 nach Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan* zurückgekehrt sind, nachdem sie zuvor Jahre in Syrien und im Irak verbracht hatten. Für alle war die Heimkehr erst der Anfang. Das, was als Nächstes folgte – die langwierige Arbeit des Heilens, des Aufbauens von Vertrauen und eines Zugehörigkeitsgefühls – sind Geschichten, die es nur selten in die Schlagzeilen schaffen.
Im Juni 2026, nach fünf Jahren Arbeit Seite an Seite mit den nationalen Behörden, lokalen Institutionen und humanitären Partnern, um die unsichtbaren Wunden in der Region zu heilen, ging das Programm des IKRK für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung zu Ende. Durch gezielte Arbeit ist es in dieser Zeit gelungen, Durchhaltevermögen aufzubauen, lokale Versorgungsnetze zu stärken, Fachleute mit neuen Tools auszurüsten und Familien zu begleiten, die nach den Strapazen der Rückkehr ihr Leben wieder neu aufbauen mussten. Hinter den Statistiken verbergen sich lange Wege der Erholung und der Resilienz. Lesen Sie nachfolgend drei Geschichten von Menschen, die wieder neu zu sich selbst gefunden haben.
Tadschikistan: „Sie ging nicht weg“
Maryam spricht mit einer Ruhe über die härtesten Jahres ihres Lebens, die einen aufmerksam zuhören lässt.
Ihr Vater verschwand, als sie noch klein war. Ihre Mutter starb in einem Flüchtlingslager und liess Maryam alleine zurück. Eine Freundin der Familie nahm sie auf und wurde nach und nach zu ihrer wichtigsten Bezugsperson.
„Zunächst tat mir mein Herz zu sehr weh, und ich konnte sie nicht Mama nennen“, erklärt Maryam. „Aber sie war gut zu mir. Sie kümmerte sich um mich. Sie ging nicht weg.“
Maryam ermittelt ihre persönlichen Stärken und Ressourcen für die Bewältigung von Schwierigkeiten während einer psychologischen Unterstützungssitzung.
Die beiden kamen zunächst in eine Übergangseinrichtung in Tadschikistan. Da die Frau, die Maryam aufzog, jedoch nicht ihre biologische Mutter war und keine Papiere besass, um ihr Verhältnis zu dem Kind zu beweisen, liefen sie jeden Tag Gefahr, getrennt zu werden. Beamte kamen und stellten Fragen. Die Nächte waren lang.
Psychologinnen und Psychologen des IKRK statteten der Einrichtung Besuche ab. Mit einem Vorgehen, bei dem das Kind im Mittelpunkt steht, etwa durch Spielen und Zeichnen, gewannen sie langsam Maryams Vertrauen und schufen einen sicheren Raum, in dem sie sich äussern konnte. Es war, so sagt sie, das erste Mal, dass sie das Gefühl hatte, man höre ihr richtig zu.
Maryam während eines Nachsorgebesuchs bei einer psychologischen Unterstützungssitzung zu Hause in Tadschikistan.
Ihre Adoptivmutter wurde in den Bereichen Psychoedukation und Elternschaft von den Psychologinnen und Psychologen des IKRK angeleitet, und auch Maryam wurde nach und nach ruhiger. Schliesslich endete das rechtliche Verfahren im Sinne der beiden: Maryam wurde offiziell als Tochter der Adoptivmutter anerkannt.
Nun geht Maryam zur Schule, während ihre Mutter von zu Hause aus einen kleinen Nähbetrieb führt.
„Ich habe keine Angst mehr“, erklärt Maryam. „Weil ich weiss, dass wir beisammen bleiben können.“
Usbekistan: Es geht um kleine Schritte
Nasima arbeitet als Psychologin in einem Waisenhaus. Als mehrere Kinder, die aus Syrien und dem Irak heimgeschafft worden waren, zu ihr in Betreuung kamen, merkte sie schon bald, dass ihre Ausbildung sie nicht auf deren komplexe Bedürfnisse vorbereitet hatte.
„Ich wusste nicht, wie ich auf sie zugehen sollte und hatte Angst, dass ich noch mehr Schaden anrichten würde“, berichtet sie.
Eine Psychologin arbeitet mit zurückgekehrten Kindern in einer Schule in Usbekistan im Rahmen einer fokussierten psychosozialen Gruppensitzung.
Die Kinder hatten ihre Eltern, Geschwister und in vielen Fällen ihr gesamtes soziales Netz verloren. Sie hatten sich in ihr Inneres zurückgezogen und es dauerte lange, bis man sie erreichen konnte. Innerhalb des Waisenhauses wurden sie von den anderen Kindern als „Terroristenkinder“ beschimpft. Die Mitarbeitenden verfügten nicht über die Werkzeuge oder das Wissen, um angemessen zu reagieren. Manchmal schickten sie Kinder mit Schwierigkeiten zu Nasima als eine Art Disziplinarmassnahme, wodurch die Psychologin mit Strafe anstatt mit Unterstützung in Verbindung gebracht wurde.
Sie versuchte, die Situation grösstenteils selbst zu bewältigen, bis das IKRK ihr Schulung, Tools und Wissen anbot, um den von ihr betreuten Kindern zu helfen. So erwarb sie Kenntnisse in Erdungstechniken, Psychoedukation und traumazentrierten Ansätzen, die den Kindern halfen, ihre Reaktionen auf schwierige Erfahrungen zu verstehen und zu verarbeiten, ohne sich dabei „kaputt“ oder „nicht normal“ zu fühlen.
„Ohne die Schulung, die Supervision und die kontinuierliche Unterstützung des IKRK hätte ich ihnen nicht so gut helfen können“, erzählt sie.
Kinder während einer vom IKRK organisierten fokussierten psychosozialen Unterstützungssitzung halten Zeichnungen hoch, auf denen sie ihre Emotionen am Körper dargestellt haben. Diese Methode hilft Kindern, ihre Emotionen mit körperlichen Reaktionen in Verbindung zu bringen und mitzuteilen, wie sie sich fühlen. Taschkent, Usbekistan.
Fortschritte im Bereich der psychischen Gesundheit und in der psychosozialen Arbeit sind selten linear: Ein Kind, das beschliesst, zu einer Sitzung zu gehen. Ein Therapieraum, der sich nicht mehr wie eine Bestrafung anfühlt.
„Bei der Arbeit mit zurückgekehrten Kindern geht es nicht um schnelle Erfolge. Es geht um kleine Schritte, Vertrauen und neue Hoffnung“, schliesst Nasima.
Kirgisistan: Heilung ist möglich
Als junge Frau folgte Aigul ihrem Ehemann nach Syrien. Kurz nach ihrer Ankunft verschwand er. Sie blieb zurück, mit fünf Kindern, keinen Ausweispapieren und keinem Weg nach Hause. So verbrachte sie die nächsten zwölf Jahre in einem Flüchtlingslager. In dieser Zeit verlor sie auch den Kontakt zu ihrem Vater, der ihr am Telefon mitteilte, dass er sie nicht mehr als seine Tochter betrachtete.
Als ihr Flugzeug in Kirgisistan landete, sagt sie, konnte sie es kaum glauben.
„Zum ersten Mal in vielen Jahren fühlte ich mich frei und sicher.“
Doch die Wiedereingliederung brachte viele Schwierigkeiten mit sich. Angehörige gaben ihr die Schuld an dem, was geschehen war. Ihre Kinder wurden in der Schule stigmatisiert. Ihre Schwiegereltern brachten ihr Misstrauen entgegen.
Aigul hatte bereits im Lager, in dem sie in Syrien gelebt hatte, Kontakt zum IKRK. Als eine Psychologin des IKRK ihr nun anbot, sie zu besuchen, sagte sie zu.
Die Therapiesitzungen gaben ihr einen Raum, um über die Last zu sprechen, die sich in mehr als einem Jahrzehnt des Leids angesammelt hatte. Sie erlernte Atem- und Erdungstechniken und Wege, mit überwältigenden Emotionen und intrusiven Gedanken umzugehen.
„Diese Übungen und einfachen Momente halfen mir, mich wieder lebendig zu fühlen.“
Eine fokussierte psychosoziale Unterstützungssitzung in der Gruppe für zurückgekehrte Frauen in Kirgisistan unter gemeinsamer Leitung eines ausgebildeten örtlichen Psychologen und einer Psychologin des IKRK.
Aigul begann auch, zu einer Austauschgruppe für zurückgekehrte Frauen zu gehen, die vom IKRK eingerichtet worden war. In ganz Kirgisistan nahmen fast 100 Frauen an solchen Gruppen teil.
Aigul fand Trost in der geteilten Erfahrung – den Beweis, dass andere eine ähnliche Last trugen, und dass es möglich war, nach vorne zu blicken.
„Den anderen zuzuhören half mir, zu erkennen, dass Heilung möglich ist, auch nach Jahren des Leids. Bei jedem Treffen wurde ich daran erinnert, dass meine Stimme und meine Gefühle wichtig sind.“
Heute spricht sie mit ruhiger Entschlossenheit über ihre Kinder.
„Ich will, dass sie an einem sicheren Ort aufwachsen.“
Familien begleiten: fünf Jahre menschenzentrierte Unterstützung in Zentralasien
Eine humanitäre Krise endet nicht mit der Rückkehr in die Heimat. Nachhaltige Unterstützung erfordert Investitionen in die Menschen und Systeme, die bestehen bleiben, auch wenn die direkte Präsenz einer Organisation zu Ende geht. Durch Schulung, fachliche Supervision und direkte psychologische Unterstützung gelang es dem IKRK-Programm für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung, Fachleute für ihre Arbeit mit den nötigen Kompetenzen auszurüsten.
Das Team des IKRK-Programms für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung in Zentralasien.
Für das Team, das sich konkret um diese Arbeit kümmerte, ging es nicht nur um Zahlen. Einer der Psychologen beschrieb den Inhalt der Tätigkeit als Aufbau von Vertrauen, „Schritt für Schritt, zwischen den Familien und uns“. Andere betonten die hochwertige, langfristige und bedürfnisorientierte Unterstützung, angepasst an jede Person und jede Situation. Das Team verglich seine Arbeit mit einem Faden, der verschiedene Momente auf dem Lebensweg der Menschen miteinander verbindet und eine Kontinuität sicherstellt. Psychologische Unterstützung, sagten die Teammitglieder, löst nicht nur Probleme –, sie begleitet die Menschen und verändert dadurch ihr ganzes Leben.
* Dem IKRK liegen keine Zahlen für Turkmenistan vor.
** Zum Schutz der Privatsphäre wurden die Namen der Begünstigten und andere Einzelheiten, die ihre Identifizierung ermöglichen könnten, geändert.