Stimmen des IKRK: Bericht aus Darfur
John Naughton ist Leiter der IKRK-Unterdelegation in der sudanesischen Region Darfur. Er wurde in Sheffield im Vereinigten Königreich geboren und war zuvor für das IKRK unter anderem in Afghanistan, im Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik tätig.
Wir standen in einer Menschentraube zwischen den niedrigen Hütten mit ihren Strohdächern. Es war eine Art Gemeinschaftstreffen – eine Gelegenheit für mich, den Männern, Frauen und Kindern, die ihre Heimatstädte verlassen und in Tawila Zuflucht gefunden hatten, zuzuhören. Tawila war einst eine kleine Stadt im Bundesstaat Nord-Darfur. Inzwischen ist der Ort stark angeschwollen und hat rund 650 000 Vertriebene aufgenommen.
In der Gruppe trat eine junge Frau nach vorne und begann, auf Arabisch zu berichten. Ich spürte die Schwere ihrer Worte, auch wenn ich sie nicht verstehen konnte. Über den Dolmetscher erfuhr ich, dass sie die gefährliche Reise von Al-Fashir nach Tawila beschrieb.
„Es war entsetzlich. Viele von uns hatten nichts mehr, als sie hier ankamen, nicht einmal Schuhe“, erzählte sie.
Dann sprach sie über etwas Dunkleres – etwas, was in ihrer Gemeinschaft stark tabuisiert ist – die Bedrohung durch sexuelle Gewalt. Die Tatsache, dass sie so offen sprach, während ihr die Menschen schweigend zuhörten, zeugte nicht nur von ihrem Mut, sondern auch davon, wie weit verbreitet sexuelle Gewalt geworden ist.
Tweet: https://twitter.com/ICRC_Africa/status/1983792184617791627
Ihre Geschichte war ernüchternd, aber sie war kein Einzelfall. Die Region Darfur ist mehr als doppelt so gross wie das Vereinigte Königreich, und Gewalt ist hier nichts Neues. Der Darfur-Konflikt von 2003 bis 2005 hinterliess tiefe Narben. 2023 brachen die Kämpfe erneut aus, und sie führten zur derzeit grössten humanitären Krise weltweit. Im neuesten brutalen Kapitel des Konflikts wurde die Hauptstadt von Nord-Darfur, Al-Fashir, nach einer 500-tägigen Belagerung eingenommen.
Mindestens 100 000 Menschen haben die Stadt und die umliegenden Dörfer seit dem 26. Oktober gemäss Zahlen des Norwegischen Flüchtlingsrates verlassen. Einige Familien flüchteten gemeinsam, andere erzählten mir unter Tränen, wie sie ihre kranken oder alten Verwandten zurücklassen mussten, weil diese nicht in der Lage waren, den Spiessrutenlauf an einen sicheren Ort zu schaffen.
Diejenigen, die den rund 60 km langen Weg zu Fuss nach Tawila überlebten, fanden ein Flüchtlingslager vor, das nicht auf ihre Ankunft vorbereitet war. Es gibt dort nicht genügend Feldtoiletten. Sauberes Wasser und medizinische Güter sind knapp. Ein Arzt, der eine der wenigen medizinischen Anlaufstellen des Lagers leitet, erzählte mir, er müsse täglich mehrere Personen mit Schussverletzungen in seiner Zwei-Raum-Klinik behandeln. Mit nur einigen wenigen Medikamentenflaschen im Regal hinge der Betrieb der Klinik allein von seinen Fähigkeiten und seiner Entschlossenheit ab.
Bei ihrer Ankunft in Tawila erblicken die Familien ein Meer behelfsmässiger Behausungen, dicht gedrängt soweit das Auge reicht, mit nur minimaler Infrastruktur, um sie zu unterstützen.
Eine andere junge Frau, die vor dem Krieg eine Ausbildung als Übersetzerin begonnen hatte, zeigte mir das Zelt, das sie sich nun mit ihren Eltern und ihrem Bruder teilt. Es bestand aus kaum mehr als zwei Ästen, die in den Boden gerammt worden waren und zwischen denen ein paar Tücher aufgespannt waren, um Schatten zu spenden. In fliessendem Englisch erklärte sie mir, dass diese enge Unterkunft praktisch keine Privatsphäre und keinen Schutz bot.
Sie war ein Beispiel für eine, die alles getan hatte, was die Gesellschaft von jungen Menschen erwartet: Sie studierte. Sie plante. Sie träumte von einer Zukunft. Doch nichts davon schützte sie vor der Gewalt dieses Konflikts. Wenn ein Krieg ausbricht, zählen Anstrengungen und Verdienst nicht mehr. Menschenleben gehen kaputt, nicht, weil falsche Entscheidungen getroffen werden, sondern weil es gar nicht mehr die Möglichkeit gibt, sich zu entscheiden.
Es ist einfach, angesichts des Ausmasses des Kriegs im Sudan den Überblick zu verlieren. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass jede Statistik eine Summe einzelner Tragödien wie diejenige dieser Frau ist. Früher hatten diese Menschen Karrieren, Geschäfte, ein Zuhause – ein Leben, ähnlich wie Ihres oder meines.
Die Zeit in Darfur hat meinen Blick auf Dinge, die ich früher für selbstverständlich hielt – Frieden, Rechtsstaatlichkeit, öffentliche Dienste – verändert. Im Vereinigten Königreich und in vielen anderen Teilen der Welt erwarten wir ein Sicherheitsnetz, weil dieses schon immer da war. Aber wenn man an einem Ort arbeitet, an dem es diese Dinge nicht gibt, beginnt man zu verstehen, wie wertvoll – und wie zerbrechlich – sie tatsächlich sind. Wenn der Frieden zerfällt, muss die Zivilbevölkerung vor den Folgen geschützt werden.
Denn es ist die Zivilbevölkerung, die im Herzen unserer Arbeit im Sudan steht. Gemeinsam mit der Sudanesischen Rothalbmondgesellschaft ermöglichen wir Hunderte Telefongespräche für Menschen in Tawila, um ihnen zu helfen, mit ihren Angehörigen in Kontakt zu bleiben. Wir senden medizinische Güter an den Arzt und seine Klinik. Wir haben Bargeldzuschüsse an mehr als 130 000 Flüchtlinge im Lager verteilt. Doch in einer Region, die unter solch unerträglicher Gewalt ins Taumeln geraten ist, befürchte ich – ja, weiss ich –, dass wir nicht alle Menschen erreichen können.
Wenn ich die Öffentlichkeit, die Politikverantwortlichen, die Journalistinnen und Journalisten ausserhalb des Sudans um eines bitten könnte, dann wäre es dies: Vergessen Sie die Menschen im Sudan nicht. Die Zivilbevölkerung muss geschützt werden, und die Welt muss sich ihrem Leid zuwenden.
Darum geht es beim humanitären Völkerrecht (HVR), das die Menschenwürde in den Mittelpunkt stellt. Die Waffentragenden, unabhängig davon, auf welcher Seite sie stehen, müssen das HVR einhalten und stets dafür sorgen, dass die Zivilbevölkerung geschützt wird. Wenn nicht alle Parteien sich dringend neu zum humanitären Völkerrecht verpflichten – und wenn die Welt nicht auf das Leiden der Zivilbevölkerung hört –, befürchte ich, dass diese Muster der Gewalt sich wiederholen werden und dass noch mehr Menschenleben verloren gehen.
Als ich Tawila verliess, um zurück ins Büro des IKRK in West-Darfur zu fahren, dachte ich an die Menschen, denen ich begegnet war: an ihre stille Stärke, während sie versuchen, ihr Leben wieder zusammenzuflicken. Sie alle wünschen sich eine bessere Zukunft. Doch solange die Kämpfe nicht aufhören und die Zivilbevölkerung nicht geschützt wird, wird dieser Wunsch für viele im Sudan unerreichbar bleiben.