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Gesundheitsversorgung in Gefahr: Zehnter Jahrestag der Resolution 2286

Voller Angst, aber dennoch mit vollem Einsatz – Gesundheitspersonal über die Rettung von Leben, wenn das eigene in Gefahr ist.
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Jedes Mal, wenn der Rettungssanitäter der Palästinensischen Rothalbmondgesellschaft Ashraf Al-Khatib zur Arbeit geht, verabschiedet sich seine Familie von ihm, als wäre es das letzte Mal. „Jedes Mal, wenn wir nach Hause kommen“, sagt er, „begrüssen uns unsere Familien, als ob wir von den Toten zurückgekehrt wären.“

Dieser schnörkellose Satz macht schlicht fassungslos und drückt aus, was kein Strategiepapier je vollumfänglich erfassen kann. In Konfliktzonen weltweit wägen Gesundheitsmitarbeitende jeden Tag dasselbe ab: Unter der realen Gefahr trotzdem weiter zur Arbeit zu gehen.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat am 3. Mai 2016 die Resolution 2286 angenommen, in er Angriffe auf medizinische Einrichtungen, medizinisches Personal und medizinische Transporte in bewaffneten Konflikten verurteilt. Diese Resolution unterstreicht, was das humanitäre Völkerrecht bereits deutlich macht: Spitäler, Patienten, Ärzte und Krankenwagen dürfen niemals zum Ziel von Angriffen werden. Zehn Jahre später wird dieses Prinzip immer noch verletzt – meist mit verheerenden Folgen.

Gesundheitsversorgung sollte kein mutiger Akt sein

Ashraf hat sorgfältig über die Angst nachgedacht – was sie bedeutet, was sie ihn kostet und was sie von ihm verlangt.

„Das Risiko, nach Hause zurückzukommen, und das Risiko, nicht mehr zurückzukehren, ist gleich gross“, sagt er. „Jedes Mal, wenn wir zur Arbeit gehen, verabschieden wir uns von unseren Familien.“

Auch wenn diese Situation schwer auf ihm lastet, weigert er sich aber, dies als das letzte Wort zu betrachten. „Angst zu spüren, ist kein Fehler. Alle haben Angst. Aber es ist der Mut, der deine Angst überwindet und sie in Schach hält. Unser Mut besteht darin, uns nicht von der Angst beherrschen zu lassen.“

Ashraf Al-Khatib - PRCS Paramedic
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Ashraf Al-Khatib, Rettungssanitäter der Palästinensischen Rothalbmondgesellschaft

Mit der Resolution 2286 sollten diese Situationen angegangen werden, die ein Jahrzehnt später immer noch vielerorts präsent sind. Zehn Jahre später werden Gesundheitseinrichtungen weiterhin beschädigt oder zerstört. Zehn Jahre später wird medizinisches Personal bedroht, verletzt und getötet. Zehn Jahre später werden Krankenwagen blockiert oder angegriffen, und Patienten werden daran gehindert, sich medizinisch versorgen zu lassen.

Die Kosten entstehen nicht nur im jeweiligen Augenblick. Wenn die Gesundheitsversorgung systematisch nicht mehr sicher ist, bricht eine grundlegende Dienstleistung zusammen – nicht nur für diejenigen, die individuell betroffen sind, sondern für ganze Gemeinschaften.

Geschichten hinter den Zahlen

Dr. Mohammed Shaaban arbeitet als Arzt des IKRK in einem Feldlazarett des Roten Kreuzes. Er hat aus erster Hand erlebt, wie ein solcher Zusammenbruch aussieht.

„Wir haben einen Rettungssanitäter verloren, während wir einen Patienten zwischen zwei Spitälern verlegt haben“, sagt er. „Er wurde von einem Querschläger getroffen.“ Er hält inne ob der Bedeutung dieses Verlusts, der die reine Trauer über den Verlust eines Menschenlebens übersteigt. 

„Wir steuern auf eine echte Katastrophe zu, wenn sich die medizinischen Teams und die Notfallteams nicht mehr dafür einsetzen können, Verletzte und Kranke zu retten – und vergössern die Gefahr, der die Sanitäter selbst ausgesetzt sind, weiter.“

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Dr. Mohammed Shaaban arbeitet als Arzt des IKRK in einem Feldlazarett des Roten Kreuzes.

Hinter jeder Statistik steckt ein Mensch. Ein Patient, der nicht zu erreichen ist, eine Familie, die nicht versorgt werden kann, eine Gemeinschaft, die von bereits unzureichenden Dienstleistungen abgeschnitten ist.

In Kolumbien koordiniert Danilo Torrado medizinische Einsätze im Departamento de Norte de Santander und muss dabei Kontrollpunkte passieren sowie Strassensperrungen berücksichtigen. Gleichzeitig muss er ständig einschätzen, wohin er die Mitarbeitenden weiterhin sicher entsenden kann.

„Wir verabschieden uns von unseren Familien und wissen einfach nicht, in welchem Ausmass uns der Konflikt betreffen wird“, sagt er. 

„Wir vertrauen darauf, dass die Konfliktparteien uns nicht angreifen oder unser Leben gefährden und dass sie das humanitäre Völkerrecht respektieren – aber trotzdem bleibt eine gewisse Unsicherheit.“

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Danilo Torrado koordiniert medizinische Einsätze im Departamento Norte de Santander in Kolumbien.

Diese Unsicherheit hat direkte Folgen für die Menschen. Wenn das Personal nicht sicher in entlegene ländliche Gebiete gelangt, dann können Kinder nicht geimpft werden, dann gibt es keine vorgeburtliche Versorgung, dann bleiben behandelbare Krankheiten unbehandelt.

Der Rettungssanitäter des Palästinensischen Roten Halbmonds in Ramallah im Westjordanland Zuheir Ramiyeh erlebte dies aus erster Hand, als ein Notruf für eine Frau einging, die in einem palästinensischen Dorf in Wehen lag. Sein Krankenwagen wurde fast eine Stunde lang an einem Kontrollpunkt festgehalten. „Die einzige Möglichkeit war, dass die Patientin und ihr Begleiter zu Fuss zum Kontrollpunkt kamen“, sagt er. „Aufgrund des Krieges sind die Reaktionszeiten länger geworden. Dies beeinträchtigt das Leben derjenigen, die auf medizinische Versorgung angewiesen sind.“

Zuheir-Ramiyeh---PRCS-Paramedic
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Zuheir Ramiyeh, Rettungssanitäter der Palästinensischen Rothalbmondgesellschaft.

Der Apotheker Miguel Peña arbeitet mit dem IKRK in Venezuela zusammen und beschreibt die umfassenderen systemischen Folgen:

„Wenn ein Krankenwagen oder ein Spital ins Visier genommen werden, geht nicht nur die physische Infrastruktur verloren, sondern auch der Zugang zu einer Versorgung für Hunderte von Patienten. Patienten und medizinisches Personal haben schlicht Angst. Wenn das Gesundheitswesen seinen Schutz verliert, bricht das System zusammen.“

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Der Apotheker Miguel Peña arbeitet mit dem IKRK in Venezuela zusammen.

Nicht das Recht versagt, sondern dessen Umsetzung

Der Schutz der Gesundheitsversorgung in bewaffneten Konflikten ist keine Grauzone. Es ist eine rechtliche Verpflichtung unter dem humanitären Völkerrecht, und die Resolution 2286 stärkt diese weiter: Alle Konfliktparteien werden aufgefordert, medizinische Einsätze zu achten und zu schützen. Staaten werden aufgefordert, konkrete Schritte einzuleiten. Dabei geht es um die Stärkung des innerstaatlichen Rechtsrahmens, die Integration von Schutzmassnahmen in militärische Operationen, die Ermittlung von Verstössen und die Rechenschaftspflicht der Täter.

Zehn Jahre später kommt es weiterhin zu Verstössen. Das liegt nicht daran, dass die Regeln nicht klar sind. Es liegt daran, dass sie nicht vollumfänglich umgesetzt werden.

Sita Zouri Epouse Traore arbeitet als Hebamme des IKRK in Fada N'Gourma, Burkina Faso. Sie spricht etwas aus, das im Zentrum dieses Zwiespalts steht – nicht auf politischer, sondern auf ganz persönlicher Ebene.

„Was mich motiviert, trotz der Gefahren weiterhin zur Arbeit zu gehen, ist der Einfluss, den ich mit meiner Tätigkeit auf vulnerable Gemeinschaften habe“, sagt sie. 

„Für mich zählt jedes Leben. Wenn wir mit einem Risiko konfrontiert sind, haben wir Angst. Aber hinter dieser Angst sind wir noch engagierter, denn was wir erreichen wollen, ist für uns wichtiger als diese Angst. Um also Leben zu retten, muss ich meine Angst überwinden und zu den Menschen gehen.“

Dieses Engagement – von medizinischem Personal in Burkina Faso, Nigeria, Palästina, Kolumbien oder Venezuela und an vielen anderen Orten – kann nicht als selbstverständlich betrachtet werden. Es ist aussergewöhnlich. Und es kann keinen Schutz ersetzen.

Sita Zouri Épouse Traore, ICRC Midwife, Fade N’Gourma, Burkina Faso
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Sita Zouri Epouse Traore arbeitet als Hebamme des IKRK in Fada N'Gourma, Burkina Faso.

Vom Engagement zum aktiven Handeln

Dieser Jahrestag der Resolution 2286 muss einen Wendepunkt markieren.

Staaten verfügen über die entsprechenden Instrumente, um die Gesundheitsversorgung besser zu schützen. Die praktischen Massnahmen sind gut etabliert: Berücksichtigung von Schutz in die Militärdoktrin und bei militärischen Einsätzen, Stärkung der nationalen Gesetzgebung, Ausbildung der Streitkräfte, Untersuchung von Zwischenfällen und Gewährleistung der Rechenschaftspflicht. Staaten haben zudem die Verantwortung, nicht nur selbst das humanitäre Völkerrecht zu achten, sondern dessen Einhaltung auch durch andere zu gewährleisten – dies gilt auch für diejenigen, denen sie Unterstützung leisten.

Das IKRK arbeitet mit den Staaten zusammen, um diese Verpflichtungen in konkrete Massnahmen umzumünzen, unter anderem im Rahmen der Globale Initiative zur Stärkung des politischen Engagements für das humanitäre Völkerrecht (HVR), die von mehr als 100 Ländern unterstützt wird. Diese Initiative bietet einen praktischen Fahrplan, der aber nur dann nützlich ist, wenn man bereit ist, ihm auch zu folgen. Fortschritt hängt vom politischen Willen ab.

Ein Aufruf zum Schutz derjenigen, die Leben retten

Auf die Frage, was es bedeutet, diese Arbeit zu tun, kommt Danilo Torrado auf etwas ganz Grundlegendes zurück: „Du verabschiedest dich von deiner Familie und weisst einfach nicht, in welchem Ausmass der Konflikt dich betreffen wird.“

Niemand sollte diese Last tragen müssen. Niemand sollte sich entscheiden müssen, ob er ein anderes Leben rettet und dabei sein eigenes riskiert.

Salamatu Dauda ist als medizinische Labortechnikerin in Madagali, Nigeria, tätig und sagt ganz deutlich: „Manchmal passieren Angriffe nachts, aber wir kommen morgens trotzdem zur Arbeit.“ 

„Wir sind Teil der Gemeinschaft – wir können die Menschen nicht ohne medizinische Versorgung lassen.“ Sie weiss, was auf dem Spiel steht, und kommt trotzdem zur Arbeit.

Salamatu Dauda, Medical Lab Technician, Madagali, Nigeria
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Salamatu Dauda ist als medizinische Labortechnikerin in Madagali, Nigeria, tätig.

Gesundheitsversorgung sollte niemals einem Krieg zum Opfer fallen. Das hier zitierte medizinische Personal entscheidet sich trotz der Gefahren immer wieder dafür, seine Arbeit fortzuführen. Salamatu, die Tag für Tag zurückkommt. Zuheir, der sich von seiner Familie verabschiedet und zur Arbeit geht. Sita, Danilo, Miguel, Dr. Shaaban und die Tausenden anderen, deren Namen wir nicht kennen.

Ihr Mut ist echt. Zehn Jahre nach der Verabschiedung der Resolution 2286 muss die internationale Gemeinschaft diese tatsächlich wahr werden lassen – nicht mit Worten, sondern mit Taten.

Der Schutz der Gesundheitsversorgung ist nicht nur eine rechtliche Verpflichtung. Er ist ein Test für unsere kollektive Menschlichkeit.

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Eine medizinische Evakuierung im Allgemeinen Spital von Uvira in der Provinz Süd-Kivu im Osten der Demokratischen Republik Kongo.
Bildnachweis: Jonathan Busasi Nsalimbi
Eine medizinische Evakuierung im Allgemeinen Spital von Uvira in der Provinz Süd-Kivu im Osten der Demokratischen Republik Kongo.
Bildnachweis: Jonathan Busasi Nsalimbi