Der Jährliche Bericht des IKRK über die humanitäre Lage in Kolumbien enthält alarmierende Zahlen: 2025 wurden 965 Personen durch Sprengkörper getötet oder verletzt, die meisten davon Zivilpersonen –, ein Drittel mehr als im Vorjahr. Die Zahl der neuen Vermissten verdoppelte sich auf 308 im Jahr 2025, während die vom IKRK dokumentierten mutmasslichen Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht sich auf 845 Fälle beliefen.
„Die humanitäre Lage 2025 ist das Ergebnis einer fortschreitenden Verschlechterung der Situation, vor der das IKRK seit 2018 warnt“, erklärte Olivier Dubois, Leiter der IKRK-Regionaldelegation in Bogotá. „In der Folge verschärfen sich die Folgen für die Zivilbevölkerung zunehmend.“
In verschiedenen Regionen kam es wiederholt zu Kampfhandlungen in besiedelten Gebieten, wodurch die Menschen direkt in die Schusslinie gerieten. Dies führte zu Toten, Verletzten und Vertriebenen sowie zu mangelndem Zugang zu grundlegenden Diensten. Ausserdem wurden vermehrt Sprengkörper und Drohnen eingesetzt, was die Menschen auf dem Land und in den Städten in Angst und Schrecken versetzte.
Die Zivilbevölkerung litt unter Tötungen, Verschwindenlassen, Drohungen und sexueller Gewalt. Kinder und Jugendliche wurden für die bewaffneten Auseinandersetzungen angeworben und eingesetzt.
Die Krise konzentrierte sich auf spezifische Regionen: Fast die Hälfte (46 %) der durch Explosionen getöteten oder verletzten Menschen stammte aus Cauca, zwei Drittel der Massenvertreibungen erfolgten im Departamento Norte de Santander.
Die 845 mutmasslichen Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht, die 2025 erfasst wurden, entsprechen nur denjenigen Fällen, die das IKRK direkt dokumentieren konnte.
Die meisten Völkerrechtsverletzungen erfolgten nicht während Kampfhandlungen und betrafen Zivilpersonen oder Gefangene. Weitere Fälle ereigneten sich während der Kämpfe, wenn die Parteien nicht genügend Vorsichtsmassnahmen ergriffen, um die Zivilbevölkerung zu verschonen.
„In bewaffneten Konflikten hängt es in erster Linie von den Entscheidungen der Konfliktparteien ab, wie gross die Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung sind. Wenn das humanitäre Völkerrecht nicht eingehalten wird, beeinträchtigen diese Entscheidungen das Leben und die Würde der Menschen direkt“, erklärte Olivier Dubois.
Das IKRK betont: Die Einhaltung des humanitären Völkerrechts ist nicht fakultativ. Die Konfliktparteien sollten soweit wie möglich auf Kampfhandlungen in besiedelten Gebieten verzichten, alle praktisch möglichen Vorsichtsmassnahmen treffen, um die Zivilbevölkerung zu verschonen, und keine Mittel und Methoden der Kriegsführung anwenden, die unterschiedslose Zerstörung anrichten, übermässigen Schaden zur Folge haben oder unnötiges Leiden verursachen.
Ausserdem müssen die Konfliktparteien diejenigen verschonen und schützen, die nicht oder nicht mehr an den Kampfhandlungen beteiligt sind, und jegliche Form von Gewalt gegen sie vermeiden.
Den gesamten Bericht (auf Englisch) können Sie hier herunterladen.
Über das IKRK
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) setzt sich seit 1863 dafür ein, das Leiden der Menschen während Kriegen und bewaffneter Gewalt zu lindern und ihre Würde zu wahren. Gemeinsam mit seinen Rotkreuz- und Rothalbmondpartnern leistet es lebensrettende Hilfe über die Frontlinien hinweg und ist bestrebt, Familien zu vereinen und Vermisste zu finden.
Im oft vertraulichen Dialog mit Behörden und Streitkräften auf allen Seiten setzt sich das IKRK für eine humane Behandlung von Gefangenen ein und dringt auf die Einhaltung des humanitären Völkerrechts, damit die Zivilbevölkerung verschont wird – auch online.
Weitere Informationen:
Lorena Hoyos, IKRK Bogotá, Tel.: +57 310 221 8133, E-Mail: bhoyosgomez@icrc.org