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Kamerun: Kerawa und Kolofata – durch fehlendes Trinkwasser verursachtes Leid

Une déplacée à Kolofata

Am 22. März feierte die Welt den Weltwassertag – ein Tag, der einer lebenswichtigen Ressource gewidmet ist. Doch in Kolofata und Kerawa in der Region Extrême-Nord in Kamerun ist eine solche Feier ein Luxus, den sich niemand leisten kann.

Unter der glühenden Sonne in der Savanne von Kolofata im Département Mayo-Sava erinnert sich die fünffache Mutter Aïssatou an die härtesten Zeiten der Wasserkrise in ihrem Dorf. Sie erzählt, als würde sie sie noch einmal durchleben, während sie einen gelben fast leere Kanister umklammert. Ihr dreijähriger Sohn, der zu schwach zum Gehen ist, bleibt im Schatten eines Niembaums sitzen, eine der wenigen Baumarten, die der extremen Hitze von März und April standhalten. „Früher habe ich mehr als sechs Kilometer zurückgelegt, ohne auch nur eine einzige Trinkwasserquelle zu finden. Manchmal ging ich ein ausgetrocknetes Flussbett entlang, in der Hoffnung zwischen den Rissen im Boden ein wenig schlammiges Wasser zu finden – umgeben von anderen Frauen, die schweigend nach Wasser gruben. Hier muss jeder Tropfen Wasser unter äusserst schwierigen und gefährlichen Bedingungen gewonnen werden.“ Doch all diese Bilder gehören der Vergangenheit an.

Point d'eau d'infortune
Eine trostlose Wasserquelle
Franck Djigui/ CICR
Eine trostlose Wasserquelle
Franck Djigui/ CICR

Wasser – eine knappe Ressource

In den Ortschaften Kerawa und Kolofata in der Region Extrême-Nord in Kamerun ist der Zugang zu Wasser zu einem täglichen Kampf geworden. Unter der glühenden Sonne bei 43 Grad im Schatten sind die Flüsse verschwunden, die Sümpfe haben sich in Staub oder Sandbänke verwandelt und die Brunnen sind ausgetrocknet. Den Familien bleibt nichts anderes übrig, als oft während Stunden weite Strecken zurückzulegen, um an das knappe Wasser zu gelangen, das keine Trinkwasserqualität hat.

„Ich erinnere mich an letztes Jahr, als wir oft Wasser aus einem Wasserloch holen gingen. Schauen Sie mich an, ich bin 70 Jahre alt, krank und müde. Ich musste dort ganze Tage lang Schlange stehen. Und wenn ich einen Behälter füllen konnte, brachte ich dieses Wasser nach Hause. Ein Teil wird fürs Geschirr und ein Teil für die Wäsche verwendet. Den Rest bewahren wir in Behältern auf. Das schmutzige Wasser schütten wir nicht weg. Wir lassen es ruhen, damit sich der Schmutz absetzt. Anschliessend schöpfen wir die kleine klare Menge ab, die wir nun trinken können“, erzählt Panta Magne mit erschöpftem Blick, den Kopf in einen Hijab gehüllt. 

Doch die Wasserknappheit macht nur einen Teil des Leidens aus. In dieser Gemeinde mit einer Fläche von 631 km2 sind 60 % der Bevölkerung Binnenvertriebene. Kolofata, das an der Grenze zu Nigeria liegt, ist von Unsicherheit betroffen, weshalb die Suche nach Wasser mit grossen Risiken verbunden ist.

Panta Magne, déplacée de 70 ans
Panta Magne, 70-jährige Vertriebene
Franck Djigui/ CICR
Panta Magne, 70-jährige Vertriebene
Franck Djigui/ CICR

Vor dem Hintergrund dieser Unsicherheit werden Frauen und Kinder, die bei der Wasserbeschaffung an vorderster Front stehen, zu einfachen Zielen. Entführungen, Gewalt, Bedrohungen: Die Suche nach Wasser wird zuweilen zu einem regelrechten Überlebenskampf.

„Diese Leute haben ganz verschiedene Strategien. Sie können sich leicht unter uns mischen. Du weisst nicht, wer wer ist. Was machen wir also, wenn der Weg zum Wasser weit ist? Wir warten auf das Eintreffen der Soldaten oder Wachen, um Wasser zu holen. Aber eines ist klar: Wenn keine Soldaten da sind, ist es unmöglich. Wir würden gefangen genommen werden“, berichtet ein Aushilfslehrer, der selbst innerhalb des Landes vertrieben wurde.

Er erzählt, dass bewaffnete Männer in seinem ehemaligen Dorf Waouly mehrfach Frauen, Männer und Kinder gekidnappt haben, bevor sie Dutzende Häuser in Brand setzten. Die Bevölkerung hat das nicht mehr existierende Dorf verlassen. Vereinzelt stehen noch einige ausgebrannte Ruinen, deren geschwärzte Mauern dem Zahn der Zeit und der Gewalt trotzen. Es herrscht absolute Stille. In der Ferne sieht man Soldaten, die zu Fuss auf Patrouille sind – das einzige Zeichen menschlicher Präsenz in dieser verlassenen Gegend.

Die Arbeit des IKRK

Für Vertriebene ist die Situation noch kritischer. Ohne Zugang zu Trinkwasser mussten einige Familien auf der Flucht stehendes Wasser trinken, was schwerwiegende Folgen für die Gesundheit der Kinder hatte. Durst, Müdigkeit und Angst sind Teil eines Alltags, in dem es an allem fehlt.

Im Gesundheitszentrum von Kerawa beklagt der Pflegehelfer Keda Emmanuel das vermehrte Auftreten von durch Wasser übertragenen Krankheiten. „Seit geraumer Zeit ist die Bevölkerung von Cholera betroffen. Hinzu kommen Magen-Darm-Erkrankungen und Typhus. Erst wenn man an einem solchen Ort lebt, versteht man wie wichtig Trinkwasser ist“, seufzt er.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) leistet angesichts dieser Notlage humanitäre Hilfe. Es wurden Bohrbrunnen angelegt, Wasserstellen saniert und Versorgungssysteme installiert, um diese lebenswichtige Ressource näher zu den Menschen zu bringen. 

„Die Ortschaften Kolofata und Kerawa sind besonders stark vom Konflikt betroffen. Hier gibt es auch sehr viele Vertriebene. Diese Überbevölkerung verstärkt den Druck auf die bereits überlastete und nicht auf die Bedürfnisse ausgelegte Infrastruktur. Die Arbeit des IKRK besteht darin, die nicht mehr funktionierenden Brunnen wieder instand zu setzen. Wir haben ausserdem kleine solarbetriebene Wasserversorgungssysteme eingerichtet. Nun hat die Bevölkerung jederzeit Zugang zu Wasser,“ fasst Oliver Muvunyi, Leiter der IKRK-Unterdelegation in Maroua zusammen.

Deplacés à Kolofata
Vertriebene in Kolofata
Franck Djigui/ CICR
Vertriebene in Kolofata
Franck Djigui/ CICR

Eine Erleichterung für die Bevölkerung: An jenem Tag kommt der 68-jährige ehemalige Gärtner Aladji Daoud vorbei, um sich Vorrat zu holen. Auf seinem Dreirad hat er drei 100-Liter-Behälter geladen.

„Für uns ist es ein Wunder,“ sagt er mit einem breiten Lächeln. Um Wasser für meine Pflanzen zu holen, musste ich früher von Kolofata aus zum 20 Kilometer entfernten Amichidé aufbrechen. Stellen Sie sich die Unsicherheit vor. Gansé ist genauso weit entfernt. Früher gruben wir im Flussbett etwa dreissig Zentimeter tiefe Löcher, um Wasser zu finden. Es war mit Schlamm vermischt. Wir holten das Wasser und liessen es stehen, damit sich der Schmutz absetzt. Dann tranken wir es. Leider machte uns das krank. Aber dank diesem neuen Brunnen können wir endlich wieder durchatmen.“ In den Dörfern von Mayo-Sava fliesst Wasser nicht einfach so: Es muss mühsam und manchmal unter Lebensgefahr beschafft werden. Der Klimawandel, kombiniert mit der anhaltenden Unsicherheit, schwächt die Bevölkerung langfristig.