Erklärung

Die Welt in Kriegsbereitschaft – Herausforderungen für das humanitäre Völkerrecht

Forum Basiliense
UNGA80

Die Universität Basel, älteste Universität der Schweiz, hat mit dem Forum Basiliense eine Plattform für interdisziplinären Dialog zwischen Geistes-, Sozial-, Lebens- und Naturwissenschaften gegründet. Für 2026 steht „Konflikt und Kooperation“ im Fokus. Mirjana Spoljaric, Präsidentin des IKRK, hielt den Keynote-Vortrag „Die Welt in Kriegsbereitschaft – Herausforderungen für das humanitäre Völkerrecht“ und beleuchtete den Druck auf das humanitäre Völkerrecht inmitten von Kriegen, Fragmentierung und KI.

Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Kolleginnen und Kollegen aus Wissenschaft und Forschung, 

es ist mir eine Ehre, heute am Forum Basiliense der Universität Basel sprechen zu dürfen. Als älteste Universität der Schweiz steht die Universität Basel seit Jahrhunderten für kritisches Denken, wissenschaftliche Exzellenz und Verantwortung im öffentlichen Raum. Für mich ist es auch persönlich immer erfreulich, an den Ort zurückzukehren, wo ich selbst studiert und in erster Linie viel gelesen und diskutiert habe. 

Das diesjährige Thema – Konflikt und Kooperation – könnte aktueller kaum sein. Das Forum Basiliense steht für interdisziplinären Austausch und damit für genau die Art von Denken, die wir brauchen, um über Krieg, Sicherheit und Menschlichkeit im 21. Jahrhundert zu sprechen.

In meiner heutigen Präsentation geht es um Daten und Narrative, Technik und Recht, um Gesellschaft und Krieg. Als die Universität Basel im Jahr 1459 gegründet wurde, stand Europa am Beginn des Buchdrucks. Schiesspulverwaffen veränderten gerade die Kriegsführung, und die wissenschaftliche Kartierung und Vermessung der Erde lag noch in der Zukunft.  Rund 400 Jahre später hatte sich die Welt grundlegend gewandelt: Eisenbahn und Telegraf revolutionierten Mobilität und Kommunikation, und moderne Massenheere prägten die Kriege des 19. Jahrhunderts. In jenem Umfeld entstand 1863 – im Nachgang der Schlacht von Solferino – das Internationale Komitee vom Roten Kreuz.

Zwischen diesen beiden Gründungsdaten und der Gegenwart liegt nicht nur ein halbes Jahrhundert, sondern auch tiefgreifende Umbrüche in Technik, Recht und Kriegsführung: von Schwertern und Söldnerheeren zu industrialisierten Armeen, von lokal begrenzten Feldzügen zu globalen Konflikten mit verheerenden Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft. 

Tatsächlich stehen wir erneut an der Schwelle tiefgreifender Veränderungen, getrieben von neuen Technologien und künstlicher Intelligenz, deren Entwicklung das geltende Recht im Krieg zunehmend unter Druck setzt. Doch eines ist klar: während sich Kriege schon immer mit dem Wandel der Technik Schritt hielten, hat das Leid der vom Krieg Betroffenen nicht abgenommen. Im Gegenteil, das Vernichtungspotential von Waffen nimmt stetig zu, und damit auch die Notwendigkeit, jene zu schützen, die nicht an Kriegshandlungen beteiligt sind. 

Tatsächlich befinden wir uns 80 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs in einem Jahrzehnt, das vorab durch Krieg geprägt ist.  Das IKRK klassifiziert derzeit rund 130 bewaffnete Konflikte – eine Zahl, die sich in den vergangenen 15 Jahren mehr als verdoppelt hat. Jüngste Entwicklungen könnten diese Zahl noch weiter erhöhen. 

Was diese Epoche jedoch besonders gefährlich macht, ist nicht allein die schiere Anzahl der Konflikte. Es ist die Rückkehr gross angelegter zwischenstaatlicher Kriege, und die Eröffnung und Eskalation ständig neuer Fronten – technologisch wie auch militärisch. Die zunehmende Ausbreitung ist äusserst gefährlich. Allerdings verorte ich die grösste Bedrohung für die Menschheit nicht in der Zahl, sondern in der Art der Kriegsführung. Die fortschreitende Aushöhlung des Kriegsrechts und die systematische Missachtung des humanitären Völkerrechts fördern eine Dynamik, in der enthemmte Gewalt, die bedingungslose Vernichtung des Feindes, und die uneingeschränkte Macht des Stärkeren zur Normalität werden. 

Wir erleben den Krieg in Europa: Russland gegen die Ukraine – ein Konflikt, der nicht nur ganze Städte und Dörfer zerstört, sondern auch ganze Gesellschaften über Generationen hinweg prägen und traumatisieren wird. Dieser Krieg hat die globale Ordnung tiefgreifend erschüttert und gezeigt, wie schnell sich Grundannahmen über Sicherheit und Abschreckung verschieben können. Zudem wurde deutlich, wie fragil die internationalen Systeme sind, auf denen wir unsere Stabilität und Sicherheit aufgebaut haben. 

Aufgrund der vielschichtigen globalen Vernetzung wirken die heutigen Konflikte unmittelbar und weit über die eigentlichen Kriegsschauplätze hinaus. Wir beobachten dies derzeit auf tragische Weise im Nahen Osten sowie im Horn von Afrika. 

Gleichzeitig erleben wir, wie die Rüstungsindustrie wieder an Bedeutung gewinnt und die Debatte über Wiederbewaffnung, Produktionskapazitäten und Verteidigungsfähigkeit in Europa – und auch anderswo – neue Dynamik entfaltet. 

Mit anderen Worten, Kriege sind nicht mehr regional begrenzbar, sie sind vielmehr ein Beleg für zwischenstaatliche Abhängigkeit: die heutigen Konflikte machen deutlich, wie eng unsere Systeme miteinander verknüpft sind und wie schnell sie unter Druck geraten, wenn Gewalt eskaliert, wenn der normative Rahmen zwischenstaatlicher Beziehungen erodiert, und wenn das politische Vertrauen in die eigene Staatsführung zerbricht. 

Die Art, wie Konflikte heute begonnen und geführt werden, verdeutlicht uns mittlerweile Tag für Tag,  wie schmal der Grat zwischen gezielter Gewaltanwendung und unkontrollierbarer Konfrontation geworden ist. 

Diese Entwicklungen verändern etwas Grundsätzliches: Krieg wird wieder als ein legitimes Instrument betrachtet, das man einsetzen kann – nicht nur als Ausnahme, sondern als bevorzugte Option. Nach Jahrzehnten globaler Verdichtung und Förderung zwischenstaatlicher Zusammenarbeit, wird nun ausgerechnet Clausewitz’s bald zweihundertjährige Theorie zur gelebten Praxis. 

Politische Realitäten soll man nicht ignorieren, und ich möchte an dieser Stelle souveräne Sicherheitsinteressen auch nicht in Frage stellen. Gleichzeitig muss betont werden: Kriegsvorbereitungen ohne Investition in das humanitäre Völkerrecht sind gefährlich. Denn wer aufrüstet, ohne gleichzeitig in die Ausbildung der eigenen Streitkräfte und in das humanitäre Völkerrecht zu investieren, bereitet sich nicht auf Krieg vor – er nimmt unkontrollierte Gewalt in Kauf. Militärische Macht ohne rechtliche Verankerung ist keine Stärke, sondern ein Risiko – für Zivilbevölkerungen, für die internationale Ordnung und letztlich für die Staaten selbst.

Die Welt rüstet sich für neue und mehr Konflikte. Doch gerade deshalb müssen und können wir Grenzen setzen. Hier spielen Universitäten eine Schlüsselrolle: Sie schärfen rechtliche Standards, liefern Evidenz zu Mustern ziviler Infrastruktur, ordnen technische Entwicklungen ein und bilden die zukünftigen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus – Juristinnen und Offiziere ebenso wie Ingenieurinnen, Datenwissenschaftler, Diplomatinnen und Journalistinnen. Denn Kriegsvorbereitung ist nicht nur eine Frage von Waffensystemen. Sie ist auch eine Frage von Lehrplänen, von Ethik in der Ausbildung und von der Fähigkeit, unter Druck zwischen legitimen militärischen Zielen und nichtmilitärischen Zielen zu unterscheiden.

Neben den grossen Kriegen unserer Zeit sehen wir zugleich die andere Realität moderner Konflikte: Fragmentierung. Bei unserer Arbeit erleben wir, dass bewaffnete Gruppen nicht nur Gebiete erobern oder Staaten und ihre Streitkräfte unter Druck setzen, sondern in vielen Kontexten de facto zu Autoritäten werden. Sie haben Einfluss auf die Bewegungsfreiheit, den Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung, Märkten und Ausweispapieren. Wir schätzen, dass weltweit 204 Millionen Menschen in Gebieten leben, die von bewaffneten Gruppen kontrolliert oder umkämpft sind. Das zwingt uns, den Konflikt nicht nur als Frontlinie zu betrachten, sondern als Governance-Realität für die Zivilbevölkerung – also als die faktischen Macht- und Regelstrukturen, unter denen Millionen Menschen täglich leben, jenseits formeller Staatlichkeit. Vor allem erleben wir, wie schwierig es ist, nach Ausbruch eines Konflikts zu einem Zustand normativer Ordnung zurückzukehren: Viele Konflikte, in denen wir tätig sind, dauern Jahrzehnte. Wenn Konzepte wie Staatlichkeit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenwürde einmal zerbrochen oder bewusst in den Abgrund getrieben wurden, sind sie äusserst schwer wiederherzustellen und zu befrieden.

Dies hat konkrete Auswirkungen auf unsere operative Arbeit: Einerseits müssen unsere Teams mit klassischen staatlichen Streitkräften sprechen, die über etablierte Befehlsketten, klare Zuständigkeiten und vertraute Verfahren verfügen. Andererseits müssen wir mit zersplitterten bewaffneten Gruppen kommunizieren, die sich rasch verändern, oft keine kohärente Kommandostruktur haben, Woche für Woche neue Führungspersonen hervorbringen oder das IKRK gar nicht kennen. Das fügt jeder Verhandlung über Zugang zu Frontlinien, zu Gefangenen oder zur Zivilbevölkerung eine zusätzliche Ebene an Komplexität hinzu. Für das IKRK bedeutet das, dass wir ständig zwischen formellen militärischen Kanälen und informellen, fragmentierten Dialogen wechseln müssen – ohne unsere Neutralität oder die Klarheit unseres Mandats zu gefährden. Dabei beginnen wir immer wieder bei den Grundlagen: Wer hat die tatsächliche Kontrolle? Wer kann Zusagen durchsetzen? Wer trägt Verantwortung für das Verhalten der Kämpfenden vor Ort? Genau hier wird klar, wie entscheidend es ist, dass das humanitäre Völkerrecht nicht nur bekannt, sondern verstanden, internalisiert und praktisch angewandt wird – von allen Akteuren, auch jenen außerhalb klassischer staatlicher Strukturen. 

Dazu kommt: Die Zahl der bewaffneten Akteure wächst stetig. Weltweit zählen wir fast 400 nichtstaatliche bewaffnete Gruppen in über 60 Ländern. Diese Gruppen erhalten leicht Zugang zu neuen Technologien wie Drohnen, was Konflikte unvorhersehbarer und gefährlicher macht. Wer also über Stabilität und den Status des humanitären Völkerrechts spricht, muss auch den Schutz der Zivilbevölkerung unter der Kontrolle nichtstaatlicher Gruppen thematisieren. 

Gleichzeitig verlagert sich der Krieg zunehmend in die Städte. Dort leben Zivilpersonen dicht gedrängt neben kritischer Infrastruktur – Wasser- und Stromversorgung, Spitäler, Telekommunikation. Aus operativer Sicht ist dies eine der brutalsten Realitäten moderner Kriege: Die wahre Waffe ist nicht nur das Projektil, sondern die Unterbrechung der Lebensgrundlagen selbst. 

Wenn das Forum Basiliense 2026 „Konflikt und Kooperation“ ins Zentrum stellt, dann trifft es damit den Kern unserer Zeit. Konflikt ist heute selten ein isoliertes Ereignis zwischen zwei klar identifizierten Parteien. Konflikt ist ein Systemzustand – in dem Gewalt, Ressourcenknappheit, politische Fragmentierung, Desinformation und ökonomische Schocks ineinandergreifen. Und genau deshalb ist Kooperation nicht das Gegenteil von Konflikt, sondern oft die einzige Möglichkeit, ihn zu begrenzen.

Kooperation bedeutet in diesem Kontext nicht Harmonie. Sie bedeutet, dass selbst in tiefster Feindschaft Mindestregeln greifen müssen: Verwundete werden versorgt, humanitäre Hilfe durchgelassen, Zivilpersonen nicht als Ziel oder Druckmittel missbraucht, Familien erfahren, ob Angehörige noch am Leben sind. Solche Kooperationen sind kein naiver Idealismus – sie sind das Fundament, das verhindert, dass Krieg jede menschliche Grenze verliert. Die Welt braucht nicht nur militärische Abschreckung, sondern auch allgemein anerkannte Regeln. Wenn wir zulassen, dass sich das „Erlaubte“ im Krieg zu sehr verschiebt, gerät die gesamte Sicherheitsordnung ins Wanken. Den Preis zahlen wir nicht nur in fernen Konfliktgebieten – er kehrt zu uns zurück als Flüchtlingskrise, Radikalisierung, Wirtschaftlicher Abschwung, Stärkung extremer politischer Ränder, Vertrauensverlust in Institutionen und gesellschaftliche Polarisierung. Akzeptieren wir, dass im Krieg alles erlaubt ist, nehmen andere Akteure dies als Vorbild und in unserer vernetzten Welt verbreitet es sich rasch und wird nachgeahmt.

Worauf will ich hinaus?

In sicherheitspolitischen Debatten wird das humanitäre Völkerrecht zu oft als „moralischer Zusatz“ abgetan. Das ist ein strategischer Fehler. Schlimmer noch als Schwächung der Verteidigungsstrategie. 

Tatsächlich ist das humanitäre Völkerrecht – die sogenannten Regeln im Krieg – ein Eckpfeiler der globalen Sicherheitsarchitektur: Es begrenzt Gewalt, schützt Zivilpersonen und zivile Infrastruktur, dämpft Rache- und Radikalisierungsdynamiken und schafft Vorhersehbarkeit, und ermöglicht die Aushandlung tragfähiger Waffenruhen. 

Die Regeln im Krieg sind kein „nice to have“. Sie markieren die rote Linie zwischen begrenzter und entgrenzter Gewalt – zwischen Konflikten, die politisch lösbar sind, und solchen, die Gesellschaften und Ökonomien dauerhaft zerstören. Sie sind auch ein Glaubwürdigkeitstest für Staaten: Wer Regeln einfordert, muss sie selbst einhalten. Und niemand führt heute Krieg allein: Wer Einfluss hat, muss ihn nutzen, um Verstösse zu verhindern und zu beenden – nicht nur bei Gegnern, sondern gerade bei Verbündeten und Partnern.

Jede Woche, in der ein belagerter Stadtteil Wasser erhält, senkt das Risiko vor einem Kollaps der Systeme: weniger Flucht, weniger Verzweiflung, weniger Nährboden für Radikalisierung. Dasselbe gilt für Gefängnisse: Wo Mindeststandards eingehalten werden, sinkt das Risiko, dass Misshandlung neue Gewalt hervorbringt. Und jede verlässliche Information über den Status von vermissten Personen ist ein Stück gesellschaftliche Stabilität – denn Ungewissheit zerstört Vertrauen, verlängert Trauma und kann Gräben zwischen Gemeinschaften vertiefen und als Brandbeschleuniger für neue Konflikte wirken.

Der Konsens, den wir benötigen, ist nicht abstrakt. Es geht um Grundsätze, denen die meisten Menschen ohne Zögern zustimmen würden: Kinder dürfen nicht zur Zielscheibe werden. Vergewaltigung ist ein Kriegsverbrechen. Gefangene dürfen nicht gefoltert werden. Menschen müssen humanitäre Hilfe erhalten können. Wenn dieser Konsens erodiert, erodiert nicht nur Humanität, sondern langfristig auch die eigene Sicherheit und Stabilität. 

Der Naturzustand ist ein abstrakter Begriff. In die Realität übertragen wird er zur Selbstzerstörung. Eben diesem Risiko der eigenen Vernichtung entgegneten wir durch die grundsätzliche Anerkennung des oder der Anderen als Träger und Trägerin gleicher Grundrechte. 

Entmenschlichende Narrative greifen genau dies an: Wenn Menschen zu „Tieren“ oder zu „Schädlingen“ erklärt werden, wird Gewalt leichter zu rechtfertigen und Rechtsbruch leichter zu tolerieren. Digitale Plattformen und KI beschleunigen diese Dynamik: Inhalte zirkulieren schneller, werden emotional zugespitzt und polarisieren stärker; Manipulation lässt sich in großem Masstab produzieren und verbreiten. Das verschiebt nicht nur Stimmungen in der Öffentlichkeit, sondern auch das operative Umfeld: Bei Kommandanten, Soldaten, Milizen – und in ganzen Gesellschaften – sinkt die Hemmschwelle. Neutrale Hilfsorganisationen wie das IKRK sind davon nicht ausgenommen.  

Wenn Menschen den Gegner nicht mehr als Menschen wahrnehmen, sinkt die Schwelle für Misshandlung, für Angriffe auf medizinische Versorgung oder dafür, lebensrettende Hilfe zu blockieren. Und je mehr sich das normalisiert, desto schwerer wird es, einen Konflikt wieder in einen Rahmen zu bringen, in dem Regeln gelten und Gewalt begrenzt werden kann.

Wer entmenschlichenden Narrativen nicht entgegentritt, unterschätzt ihre Eigendynamik: Was gegen einen fernen Feind beginnt, setzt sich in der eigenen Gesellschaft fort – gegen Minderheiten, Andersdenkende, Schwächere. Entmenschlichung kennt keine Grenzen, die man ihr zieht. 

Technologische Entwicklungen lassen sich nicht zurückdrehen. Künstliche Intelligenz verändert nicht nur Narrative, sondern auch die Art der Kriegsführung grundlegend – nicht nur in ihrer Geschwindigkeit, sondern in ihrer Logik. Wenn Zielerkennung, die strategische Lageauswertung und Angriffsempfehlungen durch Algorithmen vorbereitet werden, verteilt sich Entscheidungsverantwortung über Datensätze, Softwarearchitekturen, Hersteller und Befehlsketten. Doch das humanitäre Völkerrecht stellt am Ende schlichte, unausweichliche Fragen: Wurde zwischen Zivilisten und Kombattanten unterschieden? Wurden Vorsichtsmaßnahmen getroffen? War der Angriff verhältnismäßig? Und wer trägt Verantwortung für Verstösse? Je schneller und komplexer Systeme werden, desto wichtiger wird es, dass diese Fragen nicht mit der Beschleunigung des technischen Fortschritts untergehen. Die Entscheidung über Leben und Tod darf nicht an Maschinen delegiert werden – sie muss beim Menschen bleiben, und sie muss nachvollziehbar und rechenschaftspflichtig sein. Auch hier ist internationale Zusammenarbeit, sind internationale Regelwerke dringend notwendig.

Ähnliches gilt für Drohnen. Sie operieren nicht im rechtsfreien Raum. Ihr Einsatz unterliegt denselben Regeln wie jede andere Waffe: den Prinzipien der Unterscheidung, der Verhältnismässigkeit und des Vorsichtsgrundsatzes. Doch sie bringen eine Dimension mit, die in rechtlichen Debatten oft unterschätzt wird: ihre physische Präsenz allein erzeugt Wirkung. Wenn Drohnen dauerhaft über Wohngebieten kreisen, verschiebt sich der Krieg weg von der Front und gegen die Zivilbevölkerung. 

Und doch – bei aller Komplexität, bei allem technologischen Wandel, haben wir keine vernünftigere Wahl als die Prinzipien des humanitären Völkerrechts zu wahren. Nur wenn Staaten, Streitkräfte, bewaffnete Gruppen, Technologiekonzerne und Forschungsinstitutionen universell gültige Rote Linien beachten und verteidigen, haben Frieden und Sicherheit, und letztlich die nachhaltige Entwicklung unseres Planeten für künftige Generationen, eine Chance.    

Vielen Dank.