Südsudan: Nothilfe unter Druck
Seit Ende 2025 hat die Eskalation des Konflikts und der bewaffneten Gewalt im Südsudan Tausende von Familien entwurzelt, ihre Lebensgrundlagen zerstört und vielen den Zugang zur Gesundheitsversorgung verwehrt. Aufgrund der steigenden Opferzahlen steht die vom IKRK unterstützte chirurgische Abteilung des Militärspitals in Juba zunehmend unter Druck. Im Juli wurde Kieran Seager, Kommunikationsbeauftragter des IKRK, bei einem kurzen Besuch im Land Zeuge des Leidens und der Standhaftigkeit der Verletzten sowie der unermüdlichen Einsatzbereitschaft seiner Kolleginnen und Kollegen, die dort die Verwundeten versorgen. Hier sein Bericht.
Kol ist ein Jahr und acht Monate alt und bereits Waise. Er schläft im Spitalbett neben seiner Grossmutter. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, hebt sie die Decke an, um mir den Verband an seinem Oberschenkel zu zeigen.
«Er war bei seiner Mutter, als es passierte», sagt sie. «Als ich Schüsse hörte, rannte ich hinüber und sah, dass sie tot war. Kol war am Bein getroffen worden, also wickelte ich ein Stück Stoff um die Wunde und lief los.» Erst später erfuhr sie, dass auch Kols Vater getötet worden war. Einen Augenblick lang weiss ich nicht, was ich sagen soll.
Die Kämpfe hatten ihr Dorf im Bundesstaat Jonglei erreicht – eines der Gebiete, die am stärksten vom erneut aufgeflammten Konflikt betroffen sind. Kols Grossmutter brachte ihn in mehreren Tagesmärschen zur nächstgelegenen noch funktionierenden Gesundheitseinrichtung. Von dort wurde er über zweihundert Meilen in die vom IKRK unterstützte Chirurgie des Militärspitals in Juba geflogen.
Von Januar bis Juni dieses Jahres wurden hier 351 Patientinnen und Patienten aufgenommen. Die meisten von ihnen wurden wie Kol vom IKRK eingeflogen. Die für das ganze Jahr prognostizierte Patientenzahl – die vor der jüngsten Eskalation des Konflikts und der Waffengewalt festgelegt worden war – lag bei 400.
Papy Lundoluka, der Leiter des vom IKRK unterstützten Spitals, führt mich durch die Abteilung. Wir gehen auf den überdachten Wegen zwischen den Gebäuden. Nach dem morgendlichen Regenguss ist es sehr schwül. Die Regenzeit ist in vollem Gange und wird noch monatelang anhalten. Kranke ruhen sich auf den Bänken am Weg aus. Andere schlurfen auf Krücken vorbei.
Lundoluka sagt, allein gemessen an den Patientenzahlen sei dies der geschäftigste Sechsmonatszeitraum der letzten sieben Jahre. Das kann ich mir gut vorstellen: Ich bin erst seit zwei Stunden hier und habe bereits zwei Verletzte auf Tragen eintreffen sehen – einen Mann und ein Kind, beide mit Schussverletzungen.
Bei unserem Gespräch klingelt Lundolukas Telefon. Er tritt beiseite, um zu antworten, und während er zuhört, wirkt er zunehmend angespannt. Nach den Informationen, die das Team erhielt, wurden am Vortag in einem anderen Bundesstaat mindestens 25 Menschen getötet und 20 weitere verletzt. Die Entscheidung fällt schnell – achtzehn der Verletzten müssen morgen in die Chirurgie gebracht werden. Und unser Gespräch muss abgebrochen werden.
Mitarbeitende des Militärspitals in Juba, das vom IKRK unterstützt wird, versorgen die Patientinnen und Patienten mit allem, was für eine vollständige Genesung notwendig ist.
Seit 2014 hat das IKRK mehr als 5'000 Verletzte aus dem gesamten Südsudan für lebensrettende Operationen evakuiert, oft mit Hilfe von Freiwilligen des Südsudanesischen Roten Kreuzes, die aus den Gemeinden stammen, in denen sie tätig sind. Das System, das sie unterstützt – Flugzeuge, medizinisches Personal, zahlreiche Stationen – ist bis an seine Grenzen ausgelastet.
Die Zahl der Verletzten steigt und es gibt nicht genügend medizinische Einrichtungen. Diese Krise findet ausserhalb des Landes kaum Beachtung. Doch wenn man in dieser chirurgischen Abteilung steht, in einem der wichtigsten Referenzspitäler des Landes, lässt sich das Ungleichgewicht kaum ignorieren. «In den letzten Monaten hatten wir sehr viel zu tun, weitaus mehr als in den Vorjahren. Es wird einfach immer schlimmer», sagt Paul Abraham, der stellvertretende IKRK-Pflegedienstleiter. Er nimmt sich zwischen seinen Rundgängen einen Moment Zeit, um mit mir zu sprechen, seine Stimme ist leise und ruhig.
Die Station, auf der wir uns befinden, sei seit Wochen überbelegt, sagt er. Dennoch müssten Betten geräumt werden, um Platz für die morgen eintreffenden Verletzten zu schaffen. Die Patienten im stabilsten Zustand werden in die Notunterkünfte im Freien verlegt. Deckenventilatoren verteilen den Geruch des Desinfektionsmittels im Raum.
Starker Regen prasselt auf das Dach. Neben uns heben Pflegekräfte einen jungen Mann vom Bett auf eine Fahrtrage und rollen ihn in den Operationssaal.
Infizierte Wunden sind laut Abraham weit verbreitet. In abgelegenen Gebieten können Evakuierungen durch Sicherheitsprobleme und schwierigen Zugang verzögert werden. Die Mobilfunknetze sind nicht zuverlässig. Die Strassen sind in schlechtem Zustand. In der Regenzeit sind manche Strecken unpassierbar.
Angehörige tragen Verletzte manchmal tagelang, bevor sie einen Ort erreichen, an dem eine Evakuierung möglich ist. Bis dahin können die Wunden bereits infiziert sein, und in schweren Fällen kann eine Amputation notwendig sein.
«Manche Verletzte sitzen lange an abgelegenen Orten ohne medizinische Einrichtungen fest. Wenn Wunden in Kontakt mit Schmutz oder Schlamm kommen, können sich Infektionen leicht ausbreiten. An diesen Orten gibt es kaum Antibiotika», sagt er.
Auf der anderen Seite des Raums liegt ein junger Mann in einem Bett; das Moskitonetz ist zur Hälfte zurückgezogen. Mühsam verlagert er sein Gewicht auf die andere Körperseite. Er heisst Gum und ist seit Oktober letzten Jahres stationär im Militärspital von Juba untergebracht. Er wurde durch einen Schuss in die Hüfte getroffen, und die Wunde hatte sich entzündet. Die Ärzte behandelten monatelang sowohl die Infektion als auch die Schäden an seinen Knochen und inneren Organen.
Gum erzählt mir, wie er während der Kämpfe im Bundesstaat Warrap angeschossen wurde. Er war bewusstlos und blutete, bis ihn Leute von den örtlichen Behörden in eine nahegelegene Klinik brachten. «Das hat mich psychisch stark mitgenommen. Ich hatte keine Hoffnung, aber jetzt erhole ich mich langsam wieder.» Für Verletzte wie Gum ist die Genesung ein langer und manchmal schwieriger Prozess.
«Es ist herzzerreissend. Wir sehen Männer, Frauen und Kinder, die angeschossen wurden. Die Kugeln unterscheiden nicht», fügt Majok hinzu. Hinter vielen der hier behandelten Fälle steht eine entscheidende Frage: Ob Verletzte erreicht, evakuiert und sicher zur medizinischen Versorgung gebracht werden können.
Für die medizinischen Teams hier ist die Einhaltung des humanitären Völkerrechts alles andere als ein abstraktes Rechtsprinzip. Als ich das Spital in Juba verlasse, nähert sich ein weiterer Regenguss auf. Ich denke an Kol und Gum, an die Pflegekräfte, Ärzte und Ärztinnen und an die Verletzten, die morgen eintreffen werden. Die Station wird sich wieder füllen, doch die Entschlossenheit derer, die hier bleiben, um zu helfen, wird nicht nachlassen.
Für Verletzte, bei denen eine Amputation erforderlich ist, gehört zur Genesung oft auch die Überweisung an das vom IKRK unterstützte Rehabilitationszentrum. Dort erhalten sie Prothesen, mit denen sie ihre Mobilität und Funktionsfähigkeit wiedererlang
Nach dem humanitären Völkerrecht müssen alle Konfliktparteien das Gesundheitspersonal und medizinische Einrichtungen achten und schützen, Verwundete und Kranke ohne nachteilige Unterscheidung bergen und evakuieren, den Zugang zu lebensrettender medizinischer Versorgung gewährleisten und humanitäre Hilfe zu den Bedürftigen gelangen lassen.