Tschad: Wenn Wasser zur täglichen Herausforderung wird
Seit fast drei Jahren zwingt der Konflikt im Sudan Tausende Familien, ihr Zuhause und manchmal gar ihre Angehörigen zurückzulassen und in den Tschad zu flüchten. Im trockenen Osten des Landes versuchen fast eineinhalb Millionen sudanesische Flüchtlinge und zuvor im Darfur beheimatete Menschen aus dem Tschad zu überleben. Unter ihnen Frauen und Kinder, die jeden Tag mit einem kritischen Problem konfrontiert sind: Wasser. Die tägliche Suche nach Wasser ist eine Herausforderung, die mit zahlreichen Gefahren verbunden ist.
In den Flüchtlingslagern leben zehntausende Menschen in drückender Hitze. Der Zugang zu Trinkwasser ist hier ein dringendes Problem geworden. Wasser ist kein Luxus, sondern eine Voraussetzung, um zu überleben: sei es zum Trinken oder Kochen, um die Kinder zu waschen oder ein Mindestmass an Würde zu wahren.
Die Stadt Adré an der Grenze zum Sudan steht infolge der Ankunft grosser Flüchtlingsströme unter starkem Druck. Vor dem Krieg zählte Adré rund 25 000 Einwohnerinnen und Einwohner. In nur wenigen Monaten haben sich hier mehr als 150 000 sudanesische Flüchtlinge niedergelassen. Die gleichen Brunnen und Wasserleitungen für sechsmal so viele Menschen – da wird jede Alltagshandlung zur Herausforderung.
Jeder Schritt auf dem Weg zum Wasser barg Gefahren
Aziza Abdulgadir floh aus Al-Dschunaina im Sudan mit zehn Mitgliedern ihrer Familie. Angst und Ungewissheit sind ihre ständigen Begleiter. Eines Morgens verliess ihr Ehemann die Familie, um sich um geschäftliche Angelegenheiten zu kümmern, doch er kam nie zurück. Später erfuhr sie, dass er sich in einem Vertriebenenlager im Sudan befand. Seit drei Jahren überlebt Aziza allein mit ihren sechs Kindern, ihren Schwestern und ihrer Mutter in einem Übergangslager in Adré.
Als sie dort ankam, war das Wasser knapp und schwer zu erreichen. In der sengenden Sonne musste man stundenlang laufen, um Wasser zu holen. Da Aziza jedoch krank und nicht selbst in der Lage war, zur Wasserstelle zu gehen, übernahmen ihre Kinder das tägliche Wasserholen.
„Mir geht es nicht gut. Ich bin nicht in der Lage, einen Kanister Wasser auf dem Kopf zu tragen. Deshalb legten die Kinder die lange Strecke zurück, um Wasser zu holen. Eine Stunde hin, eine Stunde zurück, und das zweimal am Tag. Vier Stunden Fussmarsch pro Tag, die Wartezeit nicht mitgezählt“, berichtet sie.
In den Flüchtlingslagern kommt es nicht selten vor, dass die Kinder übernehmen, wenn die Erwachsenen eingeschränkt sind. Doch jedes Verlassen des Lagers ist gefährlich: Die Pfade sind abgelegen, ungeschützt und unbeobachtet. Dadurch sind Jüngsten Überfällen, Belästigungen und Gewalt ausgesetzt. Ein Kind, das mit einem leeren Kanister in der Hand bei Tagesanbruch oder in der Abenddämmerung aufbricht, wird zur Zielscheibe.
2024 richtete das IKRK eine neue Wasserstelle ein, weniger als zwei Minuten von Azizas Unterkunft entfernt. Zwei Minuten – vorher waren es zwei Stunden. Für viele mag diese Veränderung unbedeutend erscheinen. Doch für Aziza und ihre Kinder ist es eine richtige Befreiung.
Der lange Fussweg in der prallen Sonne und die ständige Angst, die sie begleitete, gehören nun der Vergangenheit an. Wenn Aziza beobachtet, wie ihre Kinder die Kanister unweit des Hauses füllen, muss sie unweigerlich lächeln.
„Jetzt ist das Wasser in der Nähe. Die Kinder können jederzeit Wasser holen, ohne ein Risiko eingehen zu müssen. Wir duschen uns damit, wir bereiten die Mahlzeiten zu, wir trinken … Das Wasser ist die Quelle des Lebens.“
Wasser gegen Mut
Darassalam Abdallah hat Al-Dschunaina zu Fuss verlassen. Die Erinnerung an die Flucht in den Tschad ist noch immer in ihrem Gedächtnis und ihrem Körper eingebrannt. Für sie schmeckt das Exil nach Staub und körperlicher Anstrengung.
„Als wir den Sudan verliessen, gingen wir zu Fuss bis in den Tschad. Ich kam mit meinen fünf Kindern hierher. Ich habe Zwillinge. Ich trug eines der Kinder auf dem Rücken, das andere in meinen Armen“, erzählt sie.
Einen ganzen Tag lang trug sie ihre beiden Kinder und die Last der Ungewissheit.
Als sie schliesslich in Adré im Osten des Tschad ankam, musste sie lernen, mit fast nichts zu überleben. Ihr Alltag war geprägt durch das tägliche Wasserholen, das ihren Körper und ihre mageren Ressourcen arg strapazierte. Bevor sie eine auch noch so kleine Mahlzeit zubereiten konnte, bevor sie ihren Kindern zu essen geben konnte, musste sie zuerst Wasser holen.
„Ich nahm meine Zwillinge mit, einen auf dem Rücken, den anderen in den Armen, und meinen Kanister auf dem Kopf. Ich lief kilometerweit, um Wasser zu holen. Mit den Kindern kann ich nicht schnell gehen, ich musste anhalten, Pausen machen. Es war sehr kompliziert.“
An der Wasserstelle musste sie noch einmal eine Stunde oder länger warten, in der prallen Sonne. Und das Wasser war nicht gratis.
„Ich kaufte das Wasser für 250 Sudanesische Pfund pro Kanister, zweimal pro Tag. Das sind 500 Pfund. Und ich war nicht einmal sicher, ob das Wasser wirklich trinkbar war“, berichtet sie.
Heute befindet sich die Wasserstelle des IKRK direkt gegenüber ihrer Unterkunft.
„Seit das IKRK die Wasserstelle neben meinem Zuhause eingerichtet hat, kann ich am Morgen jeweils ein wenig ausruhen.“
Dieser eine Satz sagt alles darüber aus, was der Zugang zu Wasser für eine alleinerziehende Mutter mit kleinen Kindern in einem Flüchtlingslager bedeutet.
Humanitäre Hilfe in einer Notlage
Angesichts dieser lebensbedrohlichen Lage hat das IKRK gemeinsam mit seinem Partner, dem Tschadischen Roten Kreuz, alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Problem der Wasserversorgung in den Übergangslagern in Adré zu beheben. Das Ziel war klar: Das Wasser sollte näher an die Bevölkerung gebracht werden, um es den Menschen leichter zu machen und ihre Gesundheit und Sicherheit zu verbessern.
Mamadou Aliou Sow, IKRK-Delegierter für die Wasser- und Infrastrukturprogramme im Osten des Tschad, erklärt, welche strategische Lösung gefunden wurde: „In einem ersten Schritt wurde angesichts der Notlage Trinkwasser mit Lastwagen in die Lager gebracht und verteilt. Diese Lösung war temporär, doch sie war unverzichtbar, um die dringendsten Bedürfnisse zu decken.“
Ab dem ersten Quartal des Jahres 2024 baute das IKRK vier Bohrbrunnen, die mit Solarenergie betrieben werden. Diese Wasserstellen im Übergangslager funktionieren heute einwandfrei und produzieren bis zu 140 000 Liter Trinkwasser pro Tag. „Damit kann der Trinkwasserbedarf von rund 10 000 Personen gedeckt werden, mit fast 15 Litern pro Person und Tag“, erklärt Mamadou Aliou Sow. Eine fünfte Wasserstelle ist noch im Bau und wird weitere 2000 Menschen versorgen.
Diese Zahlen sind eindrücklich, doch sie betreffen nur gerade 10 % der Menschen des Lagers, was zeigt, wie gross der Bedarf weiterhin ist. Die Wasserstellen werden ausserdem gleichzeitig auch von den Einwohnerinnen und Einwohnern der Stadt genutzt. Ein Beweis dafür, dass die Krise die gesamte Gemeinschaft trifft und die Arbeit des IKRK allen zugute kommt.
Doch unser Einsatz beschränkt sich nicht auf Nothilfe. Mamadou Aliou Sow betont: „Die Sanierung des Wassernetzes und des Wasserreservoirs der Stadt Adré, mit einem Fassungsvermögen von 240 m3, wird den Flüchtlingen und den Einheimischen ermöglichen, das Wasser gemeinsam zu nutzen – ein Beitrag, um die Spannungen zwischen den Gemeinschaften zu reduzieren.“
Gleichzeitig wurden mehr als hundert Toiletten gebaut, um dem Hygienebedarf gerecht zu werden und der Verbreitung von Krankheiten vorzubeugen.
Die Geschichten von Aziza und Darassalam in Adré zeugen von der humanitären Krise, die derzeit den Osten des Tschad erschüttert.
Hinter den Zahlen verbergen sich Gesichter. Mütter, die für ihre Kinder kämpfen, Familien, die versuchen, in Würde zu überleben. Wasser ist nicht nur eine Flüssigkeit in einem Kanister. Wasser bedeutet ein gesundes Kind, beruhigende Sicherheit für eine Frau, ein Moment des Ausruhens, der einer Mutter ermöglicht, noch einen Tag länger durchzuhalten. Wasser ist ganz einfach das – grundlegende – Recht, ein Leben in Würde zu führen.