Die jüngsten Angriffe in Afghanistan drohen den Zugang zu Gesundheitsversorgung für Millionen Menschen einzuschränken, während sich COVID-19 weiter ausbreitet.

Afghanistan: Zunahme von Gewalt gegen die Gesundheitsversorgung bedroht Millionen während COVID-19

News release 17. Juni 2020 Afghanistan

Kabul (IKRK) – Der jüngste Anstieg der Gewalt in Afghanistan, einhergehend mit gezielten Angriffen von Gesundheitseinrichtungen, droht den Zugang zu Gesundheitsversorgung für Millionen Menschen im Land einzuschränken oder gar zu verunmöglichen –, obwohl die Gesundheitsdienste durch den COVID-19-Ausbruch mehr denn je benötigt werden, warnt das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) heute.

„Die jüngsten Ereignisse in Afghanistan nehmen einen äusserst besorgniserregenden Lauf. Nachdem die Feindseligkeiten im Februar und März etwas nachgelassen hatten und Hoffnung aufkeimte, beobachten wir nun wieder mehr Gewalt. Die Zahl der getöteten und verletzten Zivilpersonen steigt, und gleichzeitig kämpft das Land gegen COVID-19", erklärt Juan Pedro Schaerer, Leiter der IKRK-Delegation in Afghanistan.

Wie in vielen anderen Ländern, die vom Krieg gebeutelt sind, ist auch das afghanische Gesundheitssystem überlastet. Die vom Konflikt betroffenen Gebiete sind nur beschränkt abgedeckt, es gibt wenig spezialisierte Gesundheitsdienstleistungen, und nun hat das System noch zusätzlich mit dem Ausbruch von COVID-19 zu kämpfen. Angriffe gegen Gesundheitspersonal oder medizinische Einrichtungen, wie der tödliche Anschlag gegen die von Ärzte ohne Grenzen unterstützte Geburtenklinik in Kabul im Mai, verschärfen die Lage zusätzlich.

„COVID-19 wurde zu einer Herausforderung für die am meisten entwickelten Länder dieser Welt. Ein Land, in dem bewaffnete Kämpfer ein Spital angreifen, hat keine Chance, eine hochwertige Versorgung anbieten zu können. Wir beobachten dies in Gesundheitseinrichtungen in Konfliktgebieten und in Gefängnissen, wo die Menschen bereits jetzt nur beschränkten Zugang zu Gesundheitsversorgung haben", so Schaerer.

Das Regionalspital Mirwais in Kandahar ist das grösste Spital Afghanistans und wird vom IKRK seit mehr als 20 Jahren unterstützt. Das Personal leistet dort weiterhin Geburtshilfe und operiert Menschen, die im Krieg verwundet wurden. Aufgrund einer Zunahme der Coronafälle wurden die Kapazitäten des Spitals jedoch reduziert, obwohl die Zahl der Geburten und der Patientinnen und Patienten, die in Kämpfen verwundet wurden, praktisch gleich geblieben ist.

Kiana HAYERI / ICRC
Kiana HAYERI / ICRC

Das Regionalspital Mirwais ist das einzige Regionalspital für die rund sechs Millionen Menschen im südlichen Afghanistan. Viele Patientinnen und Patienten, insbesondere auf der Chirurgie-Abteilung, stammen aus Gegenden, in denen die Kämpfe zwischen den Taliban und den Regierungsstreitkräften weiterhin andauern.

Eine bedeutende Anzahl der Coronafälle in Afghanistan sind leider Menschen, die in Gesundheitsberufen arbeiten. Damit wird der Druck auf das ganze System noch erhöht. Dem Spital Mirwais fehlt es regelmässig an Schutzmasken und Händedesinfektionsmittel, weil der Ausbruch die Versorgungsketten unterbrochen hat. Auch die Zahl der Blutspenden ist zurückgegangen, der Bedarf an Blut jedoch gleich geblieben.

„Es gibt bestimmte Probleme, bei denen das IKRK Abhilfe schaffen kann, zum Beispiel bei unterbrochenen Lieferketten", erläutert Erin O'Connor, IKRK-Projektverantwortliche für das Spital Mirwais. „Doch die Menschen davon zu überzeugen, in Zeiten von COVID ins Spital zu kommen, um Blut zu spenden, ist weitaus schwieriger."

Der Kampf gegen die Corona-Pandemie erfordert verbindliche Zusagen seitens aller Konfliktparteien. Das IKRK ruft dazu auf, medizinische Einsätze zu schützen und die Gesundheitsversorgung an denjenigen Orten zu stärken, an denen sie am schwächsten ist, etwa in Haftanstalten.

„Wir kämpfen gegen einen weltweiten Feind und benötigen eine landesweite Einigung darüber, wie wir gegen COVID-19 vorgehen wollen", erklärt Schaerer. „Zunächst ist eine umfassende Einhaltung des humanitären Völkerrechts durch alle Parteien und ohne Ausnahme nötig, um die Zivilbevölkerung in Afghanistan zu schützen."

Gemeinsam mit den Partnern der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung setzt das IKRK folgende Massnahmen um, um die Ausbreitung von COVID-19 in Afghanistan einzudämmen:

  • Wir unterstützen das Bezirksspital Kabul, das von der Afghanischen Rothalbmondgesellschaft betrieben wird, mit Schulungen, Infektionsbekämpfungs- und Hygienemassnahmen, Protokollen für die Patientenbetreuung, Ausrüstung und einer langfristigen Sanierung der Infrastruktur für Strom, Wasser und Sanitärversorgung sowie Abfallentsorgung.
  • Wir haben 12 Feldspitäler und Erstversorger mit persönlicher Schutzausrüstung ausgestattet und Schutzmasken, Handschuhe und Händedesinfektionsmittel verteilt. Zudem geben wir Empfehlungen für Operationen ab, damit das Personal in einem Umfeld mit COVID-19 sicher operieren kann.
  • In Gefängnissen haben wir persönliche Schutzausrüstung, berührungslose Thermometer, medizinisches Material und Hygieneausstattung wie Chlorreiniger, Seife und Reinigungsmittel verteilt und Händewascheinrichtungen installiert. Zusätzlich setzen wir Isolationszimmer instand und arbeiten an einer Verbesserung der Lüftungssysteme.
  • In unseren sieben Zentren für physische Rehabilitation in Afghanistan haben wir Hygieneartikel verteilt, um die Prävention gegen COVID-19 zu fördern. In diesen Zentren werden tausende Menschen mit Behinderungen behandelt.

 


Kontakt für weitere Informationen:
Roya Musawi, Sprecherin, IKRK Afghanistan, Tel.: +93 794 618 908, rmusawi@icrc.org
Omarsharif Ghyasy, Kommunikationsverantwortlicher, IKRK Afghanistan, Tel.: +44 793 298 1946, oghyasy@icrc.org