Medienmitteilung

Nigeria: Millionen Kinder angesichts des anhaltenden Konflikts im Nordosten des Landes von Hunger bedroht

A malnourished child receives therapeutic milk during treatment at the stabilization centre in Damaturu.

Abuja (IKRK) – Fünfzehn Jahre nach Ausbruch des bewaffneten Konflikts im Nordosten Nigerias gefährdet die Ernährungsunsicherheit das Leben vieler der Jüngsten des Landes. Im Nordosten, Nordwesten und im Zentrum des Landes leiden knapp 6,4 Millionen Kinder unter 5 Jahren an akuter Unterernährung [1] – einer der verheerendsten und grausamsten Folgen des Konflikts.

Als Zainab im Zentrum für Ernährungstherapie in Damaturu im Bundesstaat Yobe ankam, lag ihr 22 Monate alter Sohn Umar praktisch bewusstlos in ihren Armen. Sein Gesicht und seine Füsse waren so stark angeschwollen, dass seine Haut maximal gespannt war. „Ich dachte, ich würde ihn verlieren“, erinnert sie sich.

Zainab kannte zwar den medizinischen Begriff für das Leiden ihres Sohnes nicht, doch sie wusste, dass er sich nicht normal entwickelte. Seit seiner Geburt hatte Umar zu kämpfen: Er ass schlecht, nahm nicht zu und wurde von Tag zu Tag schwächer.

„Das Anschwellen war ein Symptom eines Hungerödems – einer schweren Form von akuter Unterernährung –, das in der Regel durch einen anhaltenden Mangel an essenziellen Nährstoffen verursacht wird“, erklärt Samira Hassan, eine Krankenpflegerin des Zentrums für Ernährungstherapie in Damaturu. Ohne sofortige Behandlung überleben Kinder mit dieser Diagnose nur selten.

Kinder sowie schwangere oder stillende Frauen sind am stärksten gefährdet. In schwer erreichbaren Gegenden – insbesondere in Borno und Teilen von Yobe – ist die Zahl der Fälle schwerer akuter Unterernährung nach wie vor hoch.

Im Zentrum für Ernährungstherapie erhielt Umar therapeutische Nahrung, wurde medizinisch versorgt und engmaschig überwacht. Innerhalb einer Woche ging die Schwellung zurück und er bekam allmählich wieder Appetit. Nun erholt er sich langsam. 

[1] Nigeria (Nordosten, Nordwesten und Regionen im Zentrum): Situation bezüglich akuter Unterernährung von Oktober bis Dezember 2025 sowie Prognosen für Januar bis April 2026 und Mai bis September 2026 (Englisch)

Umar with his Mother

Umar sitzt bei seiner Mutter, während er wegen schwerer akuter Unterernährung im Zentrum für Ernährungstherapie in Damaturu behandelt wird.

Umars Geschichte widerspiegelt eine allgemeine Tendenz

In Biu im Süden Bornos musste sich Fatima, die aus Sabon Gari vertrieben worden war, um 13 Kinder kümmern, ohne sie richtig ernähren zu können. „Als wir vertrieben wurden, haben wir unsere Lebensgrundlage verloren“, sagt sie. „Wir waren auf die Hilfe der Nachbarschaft und auf Gelegenheitsarbeiten angewiesen, um überhaupt etwas zu essen zu haben.“

Ohne Zugang zu Anbauflächen oder stabilen Einkommensquellen entsteht ein direkter Zusammenhang zwischen Vertreibung, Ernährungsunsicherheit und Unterernährung – und Kinder sind oft die ersten, die darunter leiden. Während die humanitäre Arbeit aufgrund zunehmender Gewalt und sinkender finanzieller Mittel unter enormem Druck steht, nimmt die Notlage der Menschen weiter zu. 

„Pro Jahr behandeln wir über 1000 Kinder unter fünf Jahren“, erklärt Bob Wonder Panama, ein Ernährungsexperte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Biu. „Um die Fortschritte der stationären Behandlung aufrechtzuerhalten, werden die Kinder nach ihrem Austritt mit einem Vorrat an therapeutischer Nahrung für zwei Wochen versorgt.“

Medizinische Behandlung allein reicht nicht

Die Zunahme der Unterernährung und ihre Ursachen erfordern umfassende Massnahmen. Die Behandlung der Kinder in Gesundheitszentren reicht nicht aus.

Deshalb kombiniert das IKRK klinische Versorgung mit existenzsichernden Massnahmen, verbessertem Zugang zu sauberem Trinkwasser, Förderung der Hygiene und saisonaler Unterstützung, um Familien zu helfen, die schwierigsten Phasen der Nahrungsmittelproduktion zu überstehen und sich zu erholen.

Die Hilfspakete mit Saatgut sind vielfältig zusammengestellt, um eine ausgewogenere Ernährung und bessere Aufnahme von Mikronährstoffen zu fördern. Gemeinschaften, die Weidewirtschaft betreiben, sowie Landwirtinnen und Landwirte erhalten Unterstützung im Bereich Tiergesundheit (Impfungen und Beratung durch kommunale Tiergesundheitsfachpersonen) sowie finanzielle Mittel für Vieh oder Saatgut, während die am stärksten gefährdeten Haushalte in der ertragsarmen Zeit Bargeldzuschüsse erhalten, um ihren Lebensunterhalt zu bewältigen.
Für Familien wie diejenige von Fatima bedeutet diese Unterstützung eine grundlegende Veränderung ihres Lebens.

„Unsere Lage verbesserte sich, als wir in der Regenzeit hochwertiges Saatgut und in der ertragsarmen Jahreszeit finanzielle Unterstützung erhielten“, sagt sie. „Wir konnten ausreichend Mais, Reis und Gemüse ernten, um den Kindern drei Mahlzeiten pro Tag zu geben.“

Medizinische Versorgung, Saatgut und der erwartete Regen sind es, die die Hoffnung von Müttern wie Zainab und Fatima während dieses Konflikts aufrechterhalten.

Die Arbeit des IKRK im Jahr 2025

  • Mehr als 36 000 Menschen, darunter über 16 000 Kinder unter fünf Jahren und über 19 000 schwangere und stillende Frauen wurden wegen schwerer akuter Unterernährung in vom IKRK unterstützten Erstversorgungs- und Therapiezentren in den Bundesstaaten Borno, Adamawa und Yobe behandelt.
  • Im Nordosten Nigerias erhielten 125 Gemeinden Zugang zu Ernährungsmassnahmen vor Ort, darunter die Messung des Oberarmumfangs in den Familien, Initiativen zur Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern sowie ergänzende Ernährungsprogramme.
  • In der ertragsarmen Zeit des Jahres 2025 erhielten 17 000 bedürftige Familien Bargeldzuschüsse in drei Raten, um ihren dringenden Nahrungsmittelbedarf zu decken.
  • Über 168 000 Personen erhielten während der Regen- oder Trockenzeit landwirtschaftliche Unterstützung mit klimaresistentem Saatgut, solarbetriebenen Bewässerungssystemen und weiteren Produktionsmitteln, die den Zugang zu Nahrungsmitteln und Einkommen für Familien verbessern.
  • 26 000 Personen erhielten Hygienesets, um dem Ausbruch von Krankheiten vorzubeugen und die allgemeinen Lebensbedingungen zu verbessern.

Weitere Informationen:
Aliyu Dawobe, IKRK Abuja, Tel. +234 803 953 4881, adawobe@icrc.org

Usman Kundili Bukar, IKRK Abuja, Tel. +234 802 717 4151, ukundilibukar@icrc.org

Mateo Jaramillo, IKRK Nairobi, Tel. +254 716 897 265, mjaramillo@icrc.org