Syrien: In von Konflikt zerrissenen Gesellschaften leidet die Zivilbevölkerung jahrelang / IKRK

Syrien: In von Konflikt zerrissenen Gesellschaften leidet die Zivilbevölkerung jahrelang

Erklärung von Peter Maurer, Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), nach seiner Reise nach Syrien diese Woche.
News release 13. Mai 2022 Syrien

Es dauert Jahre, manchmal gar Jahrzehnte, bis sich Gesellschaften wieder erholen, nachdem sie durch Konflikte auseinandergerissen wurden.

Die Menschen in Syrien wissen aus eigener Erfahrung, dass Kriege schnell ausbrechen und erst nach intensiven und langfristigen Bemühungen um Frieden und Versöhnung wieder enden. Und dabei entsteht unendliches Leid. Die massive Zerstörung infolge urbaner Kriegsführung und der Schmerz getrennter und vermisster Familienangehöriger sind verbreitete Folgen von Konflikten auf der ganzen Welt.

Die Zivilbevölkerung zahlt den höchsten Preis, wenn in Kriegen wiederholt gegen das humanitäre Völkerrecht verstossen wird. Und dann sind da noch die Vertriebenen – Menschen, die in Lager oder provisorische Unterkünfte gebracht werden und die am Ende jahre- oder gar jahrzehntelang ein Leben unter erschreckend schwierigen Bedingungen und mit fast oder gar keiner Hoffnung führen müssen.

In al-Hol leben noch immer mehr als 56 000 Menschen, zwei Drittel davon Kinder, in einer der grössten Schutzkrisen unserer Zeit. Als ich das Lager diese Woche zum dritten Mal besuchte, musste ich mit Bedauern feststellen, dass sich die Bedingungen stetig verschlechtern. Die Kinder haben weniger zu essen, weniger Trinkwasser, nicht die Gesundheitsversorgung und die Bildung, die ihnen nach den internationalen Normen zustehen. Sie sind Gefahren ohne Ende ausgesetzt, und ihre Rechte werden ignoriert. Fehlende Aufmerksamkeit rechtfertigt nicht, dass die Frauen und Kinder hier einfach vergessen werden.

Wir begrüssen die unternommenen Anstrengungen, um Frauen und Kinder in ihre Heimatländer zurückzubringen. Dennoch bleibt dieses Lager ein Schandfleck für die internationale Gemeinschaft. Niemand sollte staatenlos gemacht werden. Es braucht jetzt politischen Willen und nachhaltige Lösungen, bevor noch mehr Leben geopfert werden.

In ganz Syrien verringert die durch die Folgen der Krise und durch Sanktionen schwächelnde Wirtschaft die Fähigkeit der Bevölkerung, lebenswichtige Bedürfnisse zu decken und Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen zu erhalten, dramatisch.

Die humanitären Bedürfnisse im Land bleiben weiterhin enorm: 90 % der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsschwelle, und rund 14,6 der 18 Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe. Die breitflächige Zerstörung und die schrittweise Beeinträchtigung lebenswichtiger Infrastruktur – Wasser, Strom und Gesundheitsversorgung – zehren an den Fähigkeiten der Menschen, die Situation zu bewältigen.

Elf Jahre der Krise, die Schockwellen von Covid-19 und jetzt noch die Ukraine-Krise haben schwerwiegende Auswirkungen auf die marode Wirtschaft. Nahrungsmittel- und Kraftstoffimporte sind beeinträchtigt, und die syrische Lyra verliert rasend schnell an Wert.

Nach einem Jahrzehnt wiederholter Besuche in Syrien als Präsident des IKRK habe ich die Menschen hier ins Herz geschlossen. Syrien war und ist eine der prägenden Herausforderungen meiner Präsidentschaft und der humanitären Einsätze weltweit.

In diesem Konflikt hat mich das Leiden der Menschen erschüttert und ihre Resilienz beeindruckt, als ich in den Trümmern ihrer Häuser stand und ihre Bitten anhörte, vermisste Familienmitglieder zu finden. Der langwierige Konflikt tritt nun in eine neue Phase ein, und es ist offensichtlich, dass die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft gefragt ist, um dieser Bevölkerung in freiem Fall zu helfen.

Für mich ist klar, dass die Chance auf Versöhnung und letztendlich auf weniger Leiden desto besser ist, je mehr das humanitäre Völkerrecht und die humanitären Grundsätze in Konflikten eingehalten werden. Wir müssen dem humanitären Reflex, den Menschen zu helfen, die ohne Nahrung, Wasser und Unterkunft sind, die keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben, deren Familienangehörige vermisst werden oder die von ihnen getrennten wurden, und allen, die inhaftiert sind, auch in Zukunft nachgeben.

Die langfristigen Bedürfnisse der Syrerinnen und Syrer sind enorm. Eine politische Lösung ist entscheidend, um das Leiden von Millionen zu beenden. Die Zivilbevölkerung zahlt weiterhin den Preis für einen fehlenden politischen Durchbruch, aber auch für die transaktionalen Ansätze aller Beteiligten in der humanitären Arbeit.

Mein Besuch vor Ort erfolgte zu einem Zeitpunkt, zu dem auch in anderen Teilen der Welt eine Tragöde im Gange ist. Sei es bei unserem Einsatz zur Evakuierung der Zivilbevölkerung aus Aleppo Ende 2016 oder aus Mariupol in der Ukraine in jüngster Zeit – ich bin stolz darauf, dass es dem IKRK gelungen ist, Hilfe und Schutz zu bringen für diejenigen, die am meisten darauf angewiesen sind, im Rahmen seiner neutralen und unparteiischen humanitären Arbeit.

Weitere Informationen:
Adnan Hezam, IKRK Damaskus, Tel.: +97 733 721 659 oder ahizam@icrc.org
Imene Trabelsi, IKRK Beirut, Tel.: +33 2 28 19 56 oder itrabelsi@icrc.org