Klimawandel und Konflikt

Das Klima verändert sich überall, aber die Menschen, deren Leben von Unsicherheit geprägt ist, leiden am meisten unter den Folgen dieser Veränderungen. Klimawandel und Konflikt verstärken die Ungleichheit und sind damit nach wie vor die Ursache grosser Not.

Für Westafrika prognostiziert der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) bis zum Jahr 2100 einen durchschnittlichen Temperaturanstieg von 3,3°C, in der nördlichen Hälfte Malis könnte der Temperaturanstieg bis auf 4,7°C ansteigen. Samuel TURPIN / Humans & Climate Change Stories

"When rain turns to dusT" - IKRK REPORT ZUM THEMA KLIMAWANDEL UND KONFLIKT

Die Klimakrise trifft besonders die Ärmsten und Schwächsten der Welt: Von den 25 Ländern, die als am stärksten durch den Klimawandel gefährdet gelten, sind 14 von bewaffneten Konflikten betroffen. Der doppelte Druck von Klimawandel und Konflikt vertreibt Menschen aus ihrer Heimat, unterbricht die Nahrungsmittelerzeugung und –versorgung, begünstigt Krankheiten und Mangelernährung, schwächt Gesundheitsdienste.

In den betroffenen Gebieten berichten die Menschen uns häufig von den tiefgreifenden Umweltveränderungen, deren Zeugen sie sind. Ihr Alltag wird nicht nur durch die allgegenwärtige Gewalt erschwert, auch die Auswirkungen der Klimakrise stellen die Menschen vor oftmals kaum zu bewältigende Herausforderungen.

Der im Jahr 2020 vom IKRK veröffentlichte Bericht When Rain turns to Dust veranschaulicht die unverhältnismässig starke Anfälligkeit vieler von Konflikten betroffenen Länder gegenüber Klimaschwankungen und Wetterextremen.

Auf der Grundlage von Untersuchungen, die im Südirak, im Norden Malis und in der Zentralafrikanischen Republik durchgeführt wurden, veranschaulicht der Bericht ausserdem, wie sich der humanitäre Sektor anpassen muss, um die sich neu ergebenden Risiken zu bewältigen, und fordert eine dringende Stärkung der Klimamassnahmen und -finanzierung in von Konflikten betroffenen Ländern.

 

Es fehlt nicht an Energien, um die Probleme zu lösen, doch wir müssen den Menschen helfen, ihre Fähigkeit zur Bewältigung der Folgen von Klimawandel und Gewalt zu stärken, denn diese explosive Mischung wird nicht so bald verschwinden.

Peter Maurer, Präsident des IKRK

In Ländern wie Somalia, die Jahrzehnte von Konflikt und Instabilität geschwächt haben, sind die Menschen immer wieder zur Abwanderung gezwungen – durch Dürren wie durch Überschwemmungen. In der Sahelzone ist das Überleben armer und entlegener Gemeinschaften aufgrund des unberechenbaren Klimas und der Umweltzerstörung jedes Jahr schwieriger. Ihre Bewältigungsstrategien werden durch die Gewalt und Instabilität immer weiter unterminiert.

Im Jemen und im Irak wird die Wasserknappheit, die ein Problem für das Gesundheitswesen, die Nahrungsmittelversorgung und die wirtschaftliche Sicherheit darstellt, noch verschärft durch die Schwäche der Institutionen. Die Ökosysteme, die die Menschen zum Überleben brauchen, werden durch die Konflikte direkt beschädigt.

Humanitäre Organisationen spielen bei der Bewältigung dieser Krisen eine wichtige Rolle. Das IKRK arbeitet daran, seine Massnahmen anzupassen, um Hilfe effizient leisten zu können, wo Menschen mit den doppelten Schocks von Klimarisiken und Konflikten fertig werden müssen.

Gemeinsam mit der IFRC war das IKRK federführend bei der Entwicklung einer Klima- und Umweltcharta für humanitäre Organisationen, um den Sektor bei der Reaktion auf diese Krisen zu unterstützen und kollektives Handeln zu fördern.

Gemeinsam sind wir bestrebt, mehr Verantwortung für die Umwelt zu übernehmen und unsere Einsätze so zu gestalten, dass die betroffenen Menschen effektiv unterstützt werden, und die Durchführung dieser Einsätze gleichzeitig nachhaltig gestaltet wird.

Doch den humanitären Organisationen allein wird es nicht gelingen, dem aufgrund des ungebremsten Klimawandels exponentiell zunehmenden Bedarf gerecht zu werden. Ein radikaler Wandel ist dringend erforderlich, um weiteres Leid zu verhindern.

Der Schutz des Lebens und der Rechte heutiger und künftiger Generationen hängt vom politischen Handeln ab. Die Verringerung der Treibhausgasemissionen ist von entscheidender Bedeutung, aber diese Bemühungen müssen durch die Unterstützung von Gemeinschaften bei der Anpassung ergänzt werden.

Obwohl sie zu den Ländern gehören, die am stärksten durch die Auswirkungen des Klimawandels gefährdet sind, gehören die Länder, in denen Konflikte ausgetragen werden, zu den Ländern, die bei der Klimafinanzierung und insbesondere bei der Anpassungsfinanzierung am meisten vernachlässigt werden. Das muss sich ändern.

Wir müssen die Kräfte im humanitären Sektor und darüber hinaus bündeln, um die Klimakrise einzudämmen und sicherzustellen, dass die Menschen bei ihren Bemühungen, sich dem heutigen und künftigen Klimawandel anzupassen, angemessen unterstützt werden. Untätigkeit ist keine Option.

Robert Mardini, Generaldirektor des IKRK