Südsudan: Angst vor einem Wiederaufflammen der Gewalt im Bundesstaat Jonglei

18. Juni 2020
Südsudan: Angst vor einem Wiederaufflammen der Gewalt im Bundesstaat Jonglei
Der sechsjährige Changkouth Puok aus dem Bundesstaat Jonglei erholt sich im Militärspital von Juba von seinen Verletzungen. Foto: Ali Yousef

Wolde-Gabriel Saugeron leitet das Team des Internationalen Roten Kreuzes in Bor im Bundesstaat Jonglei und sorgt sich darum, dass die bewaffnete Gewalt wiederaufflammt und zu Hunderten neuen Toten und Verletzten führt. Daher fordert er immer mehr Zivilisten auf, aus der Gegend zu fliehen.

Juba (IKRK) – Seit ich letzten Januar in den Südsudan gekommen bin, sind mein Team und ich Zeugen von zwei grossen Wellen bewaffneter Gewalt geworden. Heute scheint es so, als ob die Region in einem Teufelskreis feststeckt, in dem die Gewalt wieder und wieder aufflammt. Wir befürchten, dass die Wiederaufnahme der Kampfhandlungen zwischen Gruppen bewaffneter junger Leute erneut zu Hunderten Toten führt und Tausende Zivilisten in die Flucht treibt, während gleichzeitig Häuser zerstört, Ernten vernichtet und die Menschen ihrer Existenzgrundlagen beraubt werden. Es ist uns zu Ohren gekommen, dass in einigen Dörfern Häuser (Tukuls) niedergebrannt wurden, nachdem es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Gruppen gekommen war, die im ganzen Bundesstaat mobilisiert wurden, um neue Angriffe durchzuführen.

Die COVID-19-Pandemie verändert die gesamte Situation und schränkt die Fähigkeiten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) ein, seine oftmals lebensrettenden humanitären Einsätze für Familien und Gemeinschaften in einem sicheren Umfeld durchzuführen. Wir wissen, dass diese erneut Gefahr laufen, einen hohen Preis für die bewaffnete Gewalt zu zahlen. Wenn die Gewalt in einer Intensität wiederaufflammt, wie wir sie in den vergangenen Monaten beobachtet haben, befürchten wir erneut zahlreiche Verluste an Menschenleben, und zwar dieses Mal nicht nur aufgrund der Gewalt selbst, sondern auch, weil wir nicht in der Lage sein werden, die Verletzten zu evakuieren, um sie wie bisher in anderen Regionen des Landes zu operieren.

Während der gewaltsamen Ereignisse im vergangenen Februar und Mai hatten sich Tausende junge Leute in bewaffneten Gruppen zusammengetan und den gesamten Bundesstaat Jonglei wochenlang in Angst und Schrecken versetzt. Auf einer Fläche, die zweimal so gross ist wie die Schweiz, führten wochenlange Gerüchte über unmittelbar bevorstehende Angriffe in den bereits geschwächten Gegenden dazu, dass die Männer aus den Dörfern und Städten flohen und die ältere Bevölkerung, Frauen und Kinder den Angreifern schutzlos auslieferten.

Im vergangenen Mai mussten meine Kolleginnen und Kollegen infolge der bislang jüngsten Zusammenstösse Entscheidungen darüber treffen, welche Verletzten sie in den von ihnen geführten Gesundheitszentren versorgen konnten. Diejenigen, die nicht aufgenommen wurden, fanden sich draussen unter der gleissenden Sonne auf dem Boden liegend wieder. Ihre Angehörigen konnten nichts tun, um ihre Schmerzen zu lindern, ausser die Fliegen von den offenen Wunden zu vertreiben.

In einer solchen Situation sind wir nicht in der Lage, die betroffenen Menschen in die von uns geführten medizinischen Einrichtungen in Akobo und Juba zu evakuieren, um sie dort zu operieren. Wir müssen die Patienten auswählen, die die von unseren Chirurgen festgelegten Kriterien erfüllen. Wir müssen auch die schwierigen und komplexen Aspekte im Zusammenhang mit der Sicherheitslage berücksichtigen, darunter beispielsweise Entscheidungen darüber, ob unsere Flugzeuge oder Hubschrauber starten und landen können. Wir geben unser Bestes, um den hilflosen Angehörigen die Gründe zu erläutern, warum wir bestimmte Verwundete versorgen können und andere nicht. Aber in diesen Augenblicken, wenn sich die Frage stellt, wer gerettet wird und wer nicht, geht es nicht mehr darum, was es bedeutet, sein Bestes zu geben.

Seit einigen Tagen schon arbeiten unsere Teams in Jonglei an ihrer absoluten Belastungsgrenze, während sich die Gerüchte über eine dritte grosse Welle bewaffneter Gewalt verdichten. Wir wissen, dass wir aufgrund der Pandemie nicht mehr so auf medizinische Notfälle und andere humanitäre Bedürfnisse der Menschen reagieren können wie noch am Anfang des Jahres. Unsere Spitäler sind überfüllt. Aufgrund von COVID-19 mussten wir die Abstände zwischen den Betten vergrössern, was wiederum bedeutet, dass wir rund 30 % weniger Patienten versorgen können als zuvor. Und wenn die Bettenkapazität nicht steigt, können wir auch keine weiteren Schwerverletzten evakuieren, um sie in unseren Einrichtungen zu operieren.

Während die Menschen, denen wir versuchen, zu Hilfe zu kommen, immer verzweifelter werden, sind auch wir gestresst und ausgelaugt. Unsere OP-Teams sind überlastet und die aktuellen nationalen und internationalen Reisebeschränkungen machen es ungleich schwerer, für Verstärkung zu sorgen. Und über die generell herrschende Erschöpfung hinaus bleibt der schreckliche Eindruck, ohnmächtig zusehen zu müssen, wie diese Menschen erneut unerbittlich in den Strudel der Gewalt hineingezogen werden. Eine Gewalt, die offensichtlich niemand will oder der trotz der daraus resultierenden unzähligen Toten und Verletzten sowie umfassenden Zerstörungen niemand Einhalt gebieten kann, obwohl das Jahr im Rahmen des Friedensprozesses hoffnungsvoll und mit der Aussicht auf mehr Stabilität für den Südsudan begonnen hatte. Heute jedoch scheinen sich im Bundesstaat Jonglei die so dringend ersehnte und von allen verdiente Ruhe und Sicherheit des Friedensprozesses für unzählige Familien und Dorfgemeinschaften in Luft aufzulösen. Vor diesem Hintergrund müssen wir als humanitäre Helfer die Grenzen dessen, was wir tun können, um Leben zu retten, mit Demut anerkennen. COVID-19 ist ein weiteres Zeichen, um uns daran zu erinnern. Es ist an der Zeit, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen.


Weitere Informationen:

Ali Yousef, IKRK Juba, Tel.: +211 912 360 038
Aidah Khamis Woja, IKRK Juba, Tel.: +211 925 230 500
Crystal Wells, IKRK Nairobi, Tel.: +254 716 897 265