Konflikt in Berg-Karabach: Zivilisten tragen Hauptlast des Wiederaufflammens der Gewalt

02. Oktober 2020
Konflikt in Berg-Karabach: Zivilisten tragen Hauptlast des Wiederaufflammens der Gewalt
Zivilisten verstecken sich über Nacht in Kellern, um der Gewalt zu entgehen. Die jüngste Eskalation des Berg-Karabach-Konflikts begann am 27. September. IKRK

Genf (IKRK) – Während sich die jüngste Eskalation des Konflikts in Berg-Karabach verschärft, trägt die Zivilbevölkerung die Hauptlast des Wiederaufflammens der Gewalt, erklärte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz am Freitag.

Auf beiden Seiten der Frontlinie und aus Armenien wurden zivile Opfer und Verletzte, darunter Kinder, gemeldet.

„Seit Beginn der Eskalation hat das IKRK den Spitälern Notfallausrüstung bereitgestellt und Leichensäcke an das forensische Büro in Berg-Karabach ausgegeben. Wir bemühen uns derzeit darum, die medizinischen und anderen humanitären Bedürfnisse zu beurteilen, einschliesslich der Lage der Menschen, die ihr Zuhause verlassen haben. Unsere Möglichkeiten, uns im Feld zu bewegen, sind aufgrund der Intensität der Kämpfe und der unsicheren Situation begrenzt", sagte Bertrand Lamon, IKRK-Missionsleiter in Berg-Karabach.

„Wir beobachten bereits die schrecklichen Auswirkungen dieser Eskalation auf die Zivilbevölkerung. Das IKRK steht bereit, Hilfe zu leisten, wo diese benötigt wird, und wenn die Situation es zulässt. Dies gilt auch für die Unterstützung der Niederlassungen der Aserbaidschanischen Rothalbmondgesellschaft bei ihrer Arbeit mit der Bevölkerung vor Ort", erklärte Gerardo Moloeznik, Leiter der IKRK-Subdelegation in der aserbaidschanischen Stadt Barda.

Dem IKRK liegen Berichte von Menschen vor, die versuchen, sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Viele andere Familien mit Babys und kleinen Kindern verbringen Tage und Nächte in den unbeheizten Kellern ihrer Wohnhäuser, um der Gewalt zu entkommen.

Es existieren auch Berichte über die Zerstörung von Hunderten von Häusern und ziviler Infrastruktur wie Schulen und Spitäler durch schwere Artillerie. Dort, wo Häuser beschädigt wurden, sind die Menschen den Gefahren explosiver Kampfmittelrückstände ausgesetzt.

Diese neuen Unruhen kurz vor dem beginnenden Winter kommen zu einer Zeit, in der die Kinder seit gerade einmal wenigen Wochen wieder zur Schule gehen und die Menschen versuchen, sich und ihre Familien vor den Folgen der COVID-19-Pandemie zu schützen.

„Menschen, die Angst um sich und ihre Familien haben, nicht wissen, wo sie hingehen bzw. was sie für ihre Sicherheit tun sollen, haben mit dem IKRK Kontakt aufgenommen. Sie befinden sich mitten im Kreuzfeuer der verfeindeten Gruppen und haben schlicht und ergreifend Angst um ihre Sicherheit und ihre Zukunft. Es ist unsere Pflicht, all denen zu helfen, die die Auswirkungen dieser Eskalation der Gewalt spüren. Wir rufen alle Akteure auf, die Zivilbevölkerung sowie die wichtigste Infrastruktur und die Dienstleistungen zu schützen, die diese Menschen zum Überleben benötigen, und ihre Verpflichtungen gemäss dem humanitären Völkerrecht einzuhalten", sagte Martin Schüepp, IKRK-Regionaldirektor Eurasien, in Genf.

Das IKRK ist äusserst besorgt, dass die aktuellen Unruhen und Vertreibungen zu einem Anstieg von COVID-19-Fällen führen, wenn die Menschen stundenlang in Schutzräumen Zuflucht suchen oder in kommunalen Gebäuden oder an anderen Orten mit unangemessenen sanitären Einrichtungen untergebracht werden.

Diese Eskalation wird darüber hinaus auch die psychische Gesundheit der Bevölkerung beeinträchtigen, die seit fast 30 Jahren mit den Auswirkungen dieses Konflikts lebt und nun aufgrund der COVID-19-Pandemie Angst um ihre Gesundheit und ihre Zukunft hat.

Das IKRK ist seit 1992 in der Region präsent und leistet im Rahmen des Berg-Karabach-Konflikts humanitäre Hilfe. Es unterstützt in Zusammenarbeit mit den Delegationen in Baku und Jerewan und der Mission in Berg-Karabach die Gemeinden entlang der Frontlinie und an der Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan.

Das IKRK trägt auch dazu bei, das Schicksal vermisster Personen zu klären und deren Familien zu helfen; ferner besucht es Gefangene und tritt als neutraler Vermittler auf, um den Transfer und die Rückführung freigelassener Personen bzw. die Rückführung verstorbener Soldaten zu erleichtern.

Das IKRK arbeitet eng mit dem Armenischen Roten Kreuz und dem Aserbaidschanischen Roten Halbmond zusammen, um die Aktivitäten zur Unterstützung der vom Konflikt in Berg-Karabach betroffenen Menschen in der gesamten Region zu koordinieren.

Anmerkung für Redakteure:

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz ist eine unabhängige, neutrale Organisation, die den humanitären Schutz und Hilfe für Betroffene bewaffneter Konflikte und anderer gewalttätiger Situationen gewährleistet. Es reagiert auf Notsituationen und fördert die Einhaltung des humanitären Völkerrechts sowie seine Umsetzung in nationales Recht.

Weitere Informationen:

Ilaha Huseynova, IKRK Baku, Tel: +994 50 316 00 24

Zara Amatuni, IKRK Yerevan, Tel: +374 99 011 360

Ruth Hetherington, IKRK Genf, Tel: +41 79 447 37 26